Von Gideon Levy

Es gibt eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zwischen Zionismus und Reichtum: Beide wußten nicht, wann sie stoppen sollten. In diesen Tagen sprechen wir über „schweinischen Kapitalismus“, ein Begriff, den Präsident Shimon Peres früher als Mitglied der Knesset geprägt hat; er bezog sich insbesondere auf Benjamin Netanjahu, der zu der Zeit Finanzminister war und nun Premierminister ist. Es lohnt sich, daran zu erinnern, dass es auch schweinischen Zionismus gibt.

Schweine sind unersättlich, ist der Gedanke dabei. Sie fressen alles, was ihnen in den Weg kommt und verschlingen sich selbst, bis sie sterben. Das Gleiche tun Kapitalismus und Zionismus. Eine breite (und viel versprechende) Öffentlichkeit stimmt nun zu, dass der israelische Kapitalismus eine Schweinerei ist; der Begriff des Zionismus als schweinisch ist noch das Arbeitsgebiet einer winzigen Minderheit in Israel, aber nicht in der Welt. Zionismus und Kapitalismus begannen unterschiedlich.

Zionismus begann als nationale Bewegung, die danach strebte, eine nationale Heimat für die Juden zu errichten. Obwohl er dabei eine gravierende Ungerechtigkeit für die vorherigen Bewohner des Landes schuf, hatte er eine innere Gerechtigkeit. Er begann bescheiden: Einfriedung und Türme, Dunam um Dunam – einige davon legal erworben – Formen landschaftlichen Ansiedelns, die zum internationalen Modell wurden und eine relativ egalitäre Gesellschaft. Diese Bewegung errichtete einen inspirierenden und fast wundervollen Staat, dessen unglaubliche Errungenschaften auf vielen Gebieten einmalig in der modernen Geschichte sind.

Bis 1967 schien diese Bewegung zufrieden zu sein. Aber mit dem Essen (dem Sieg im Sechstagekrieg) kam der Appetit, und seitdem hat die Bewegung Charaktereigenschaften, die nur als schweinisch definiert werden können. Das Siedlungsprojekt in „den Gebieten“ wurde von seiner Gründung an durch grenzenlose territoriale Lust angetrieben, das Besatzungsregime wurde grausam und totalitär, und Israels Sicherheitspolizei wurde unmoralisch. Hätte der Zionismus gewusst, wann er stoppen sollte, hätte er seine Lust und Gefräßigkeit gezügelt, das im Jahre 1948 begangene Unrecht wiedergutgemacht und seine Richtung geändert, dann wäre es eine Bewegung geworden, die man bewundert. Aber er stoppte nicht rechtzeitig, zügelte seine Gefräßigkeit nicht und heute bezahlt Israel den Preis dafür.

Ein Großteil der reichen Bevölkerung dieses Landes begann gut. Eine Familie errichtete eine Salzindustrie, eine andere eine bescheidene Molkerei, eine gründete eine Reederei, der andere startete als Bauunternehmer und ein Dritter begann als Importeur von Mobiltelefonen. Sie halfen, die Wirtschaft zu entwickeln und das Land und seinen Wohlstand aufzubauen.

Aber auch hier kam mit dem Essen der unersättliche Appetit und einige von ihnen wußten nicht, wann sie ihre Gefräßigkeit stoppen sollten. Sie überschütten ihre Angestellten mit enormen Gehältern, feiern ihre Familienereignisse verschwenderisch, führen ein pompöses Leben und behandeln das Geld der Bevölkerung, als ob es ihr eigenes wäre, indem sie Geld, das ihnen nicht gehört, zu ihrem Vorteil verwenden.

Nun ist die Zeit der Rechnung gekommen. Die Öffentlichkeit ruft sie zur Abrechnung auf. Das Wort „Magnat“ ist zum Fluch geworden und (das Wort) „reich“ ist fast verabscheuungswürdig. Hätte unser wohlhabendes Volk seine Gefräßigkeit rechtzeitig gestoppt, hätte es weiterhin an der Spitze der Welt, oder zumindest an der Spitze dieses Landes, wenn auch relativ bescheiden, feiern können.

Das Verhalten der Öffentlichkeit gegenüber diesen beiden Schweinereien ist bemerkenswert ähnlich. Als Erstes unterwarf man sich dem Reichtum und in der gleichen Weise auch Israels Siedlern in „den Gebieten“, seinen „neuen Pionieren“. Man schaute weg und verbarg sein Gesicht sowohl davor, wie die Magnaten ihr Geld machten, als auch davor, wie die Siedler ihre Einlagen absetzten. Der Staat behandelte sie auch derart; er ermutigte beide Gruppen. Dem Reichtum und den Siedlern bot er alles Gute – wirtschaftliche Anreize und Schutz, Zuschüsse und Darlehen. Er verkaufte den Magnaten natürliche Ressourcen und Firmen zu Sonderpreisen und gab den Siedlern die besetzten Ländereien kostenlos.

Der Staat hat diese beiden Gruppen geschützt. Er tut es noch, mithilfe eines Komitees für die Magnaten und durch die Fortsetzung seiner Pro-Siedler-Politik.

Die Magnaten sind im Hinblick auf die neue Realität aufgewacht. Im Sommer 2011 ist es nicht so erfreulich, Yitzhak Tshuva, Nochi Dankner, Ilan Ben-Dov oder Idan Ofer zu sein. Sie beginnen, den Preis für ihr Verhalten zu zahlen – ihr Kapitalismus wurde als schweinisch bezeichnet. Dies ist nicht der Fall im Hinblick auf den neuen Zionismus, den Zionismus der Besetzung und Siedlungen in den Gebieten. Es schweinisch zu nennen, ist noch als ketzerisch betrachtet. Aber wenn die Zeit für die Abrechnung kommt, werden wir fragen: Warum haben wir nicht diese Schweinerei rechtzeitig gestoppt?

Danke Tlaxcala