Jedes Jahr wird am 12. Ordibehescht, dem 2. Mai, des iranischen Gelehrten und Märtyrer Mortesa Motahari gedacht.Schahid Motahari  war   ein Mystiker und großer Philosoph. Seine Werke sind  ein Fenster zur Erkenntnis und zur Weisheit für alle Wissensdurstige.

Motahari hat versucht, die Religion im Zusammenhang mit den zeitgenössischen Bedürfnissen darzustellen.   Schon mit 13 Jahren hat er ein großes Interesse hinsichtlich der Fragen, die Gott und die Religion betrafen, empfunden. In seinen verschiedenen Werken kommt der Wunsch nach dem Wohl der Menschen und dem richtigen Religionsverständnis ausgeprägt zum Ausdruck. Er möchte den Islam als das vorstellen was er ist: das ideale  Lebenskonzept.

An vielen Stellen im Koran wird darauf hingewiesen, dass diese Religion den Menschen wahres Leben spendet. Im Vers 24 der Sure Anfal lesen wir:  Ihr Gläubigen! Hört auf Gott und Seinen Gesandte, wenn er euch zu etwas aufruft, was euch Leben verleiht! Ihr müsst wissen, dass Gott zwischen den Menschen und sein Herz tritt, und dass ihr zu ihm versammelt werdet. Es bedeutet also Leben, auf Gott und Seinen Gesandten zu hören, d.h.  der Islam spendet   Leben. Etwas was Leben spendet, wird niemals vergehen. Motahari drückt es so aus: „Die Sonne der Religion geht nie unter!“ Er sagt: „Zur Wiederbelebung der Religion muss sie im Leben des Menschen gegenwärtig sein, aktiviert werden und Einfluss auf menschliches  Denken und Handeln  nehmen.“ In  Gedenken an diesen großen iranischen Gelehrten möchten wir einen Blick auf seinen  Essay: „Die Sonne der Religion geht nie unter“ bringen:

„Gesellschaftliche Phänomene müssen mit den Forderungen des Menschen übereinstimmen, damit sie Fortsetzung finden, das bedeutet,  dass entweder diese Phänomene selber eine Forderung der Menschheit sind, oder   auf eine bestimmte Weise zur Deckung der Forderungen der Menschheit beitragen. Die Bedürfnisse des Menschen sind zweierlei Art: naturbedingt oder nicht naturbedingt.  Die natürlichen Forderungen gehen auf die natürliche Eigenschaften des Menschen zurück. Zum Beispiel ist der Mensch an wissenschaftlicher Forschung interessiert oder er liebt das Schöne. Nicht naturbedingte Bedürfnisse  des Menschen sind Neigungen, die aufgrund von Gewohnheit entstanden. Zum Beispiel ist eine großer Prozentsatz der (iranischen) Bevölkerung das Teetrinken gewohnt oder aber bei einer großen Anzahl  ist das Rauchen Gewohnheitssache. Weil diese Forderungen und Wünsche nicht natürlicher Art sind, vermag  der Mensch von ihnen Abstand zu nehmen.

Aus der Sicht der Denker sind unnatürliche Dinge unbeständig und nicht von Dauer und nur die natürlichen Bewegungen können andauern. Wenn daher die Religion in dieser Welt bleiben will, muss sie im Menschen in Form einer Forderung und eines Wunsches auftreten oder sie muss die Bedürfnisse der Menschheit erwidern, und zwar auf eine Weise, dass sie sich durch nichts anderes ersetzen lässt. Während  des menschlichen Fortschrittes waren wir Zeuge, dass durch die Veränderung der Bedingungen , viele Dinge   anders wurden. Als Edison zum Beispiel den Strom erfand,  wurden Petroleumleuchten  und Kerzen rasch zur Seite gesellt, denn der Strom konnte auf angenehme Weise  die Menschen  mit Licht versorgen.  Aber einige Dinge sind unveränderlich. Zu diesen gehört die Religion.“

Aus der Sicht Schahid Motaharis entspricht die Religion den Wünschen und Forderungen, welche im seelischen Urgrund und in den Gefühlen des Menschen liegen. Außerdem kann nichts anderes so wie die Religion die Bedürfnisse der Menschen erwidern.  Im Vers 30 der Sure Rom, Sure 30, heißt es darüber, dass die Religion der Gott gegebenen Ur-Natur (Fitrah) des Menschen entspricht: Richte nun dein Antlitz auf die unversehrte  Religion des Herrn!…  Dies ist die natürliche Art, in der Gott die Menschen erschaffen hat…
Motahari schreibt:

„Einige haben die Entstehung der Religion auf die Angst und Unwissenheit des Menschen zurückgeführt. Andere denken dass der Mensch zur Religion neigt, weil er Ordnung und Gerechtigkeit liebt. Die Vertreter dieser Ansichten dachten, die Religion würde bei Weiterentwicklung der Wissenschaft verdrängt.  Aber das ist nicht der Fall gewesen. Der Mensch hat erkannt, dass die Religion nicht zugrunde gehen kann. Der westliche Psychologe Jung gibt zu, dass die Religion zu den Dingen gehört, die mit dem Unterbewusstsein des Menschen auf natürliche Weise verwebt ist und der amerikanische Psychologe William James meint in seinem Buch über Religionspsychologie: `Es trifft zwar zu, dass der Ursprung vieler unserer inneren Wünsche materielle natürliche Angelegenheiten sind, aber zahlreiche  von ihnen entspringen auch aus einer überirdischen Welt.`“ Motahari berichtet, William James sehe in den religiösen Dingen Freude, Freundschaft und Opferbereitschaft und sei der Ansicht,  dass  der religiös geprägte  psychische Zustand sich  mit keinem anderen Zustand im Menschen vergleichen lässt.

Alexis Carrel, französische Arzt und Autor, verweist laut Motahari auf die tiefe Verwurzelung der Religion in der Psyche des Menschen und schreibt in seinem Essay Das Gebet : `Im Gemüt des Menschen brennt eine Flamme die ihn ab und zu auf seine Fehler,  Irrtümer und falschen Gedanken aufmerksam macht. Diese brennende Flamme hält den Menschen vom falschen Weg ab.`

Ostad Motahari fährt fort: „Der Mensch braucht die Religion sowohl persönlich als auch gesellschaftlich. Deshalb antwortet  Tolstoi der russische Schriftsteller auf die Frage, was Glaube sei: `Glaube ist das, womit der Mensch lebt. Glauben ist das Lebenskapital des Menschen.`

Der Mensch besitzt viele Neigungen und Vorstellungen und denkt über die Ewigkeit nach. Dies erweckt in ihm den Wunsch nach ewigem Leben. Er möchte sich vor der Vernichtung retten. Sogar viele Kriege und Verbrechen  entstanden aus diesem Verlangen heraus. Die Religion ist das einzige, was die Gefühle des Menschen in ein Gleichgewicht bringt und lenkt. Victor Hugo ist der Ansicht: `Wenn der Mensch denkt, dass er zu nichts wird und diesem Leben das Nichts folgt, hat das Leben keinen Wert mehr für ihn. Was das Leben für den Menschen angenehm und erfreulich macht, ihn zur   Arbeit ermuntert  und seinen  Horizont  erweitert, ist das, was die Religion dem Menschen schenkt.`“

Schahid Motahari verweist auf die heutige Erkenntnis , dass die Moral  ohne die Religion keinen feste Grundlage hat . Er ist der Ansicht,   die hohen Werte  der menschlichen Gesellschaft wie Gerechtigkeit und Menschenliebe könnten ohne Religion praktisch  nicht verwirklicht werden. Dabei  führt er Alexis Carrel an, der gesagt hat  `Das Gehirn hat sich weiter entwickelt. Aber leider sind die Herzen noch schwach. Das Herz wird nur durch den Glauben gestärkt.`

Motahari fährt fort: „Der Islam lässt die natürlichen Gefühle im Menschen gedeihen und auch seine Lehren entsprechen der wahren Natur des Menschen.“ Er zitiert wie folgt den Historiker Will Durant: `Für alles gilt: Wenn es einmal gestorben ist, dann für immer, mit Ausnahme der Religion: Auch wenn sie hundert mal stirbt , so lebt sie wieder auf.“

Ostad Motahari  vergleicht  die Religion mit einer Sonne, die niemals untergeht. Er unterstreicht aber auch, dass die Religion  durch  Aberglauben und die Unterdrückung  rationaler Bedürfnisse des Menschen im Namen der Religion zum  Stillstand verurteilt ist.