Nahezu ein Jahrzehnt nach Beginn des Krieges gegen Afghanistan kommt dessen Ende jetzt in Sicht. Die NATO wird bald ihre Sicherheitsaufgaben an die örtlichen Kräfte übergeben, auch die ersten Truppen der Vereinigten Staaten von Amerika werden abziehen im Rahmen eines Plans eines schrittweisen Rückzugs, der mit Ende 2014 abgeschlossen sein soll.

Aber im Gegensatz zu den Behauptungen von Funktionären des Westens, dass die Stoßkraft der Taliban gebrochen worden sei, ist in Wirklichkeit die Widerstandsbewegung stärker als je zuvor.

Eine Reihe von große Aufmerksamkeit erregenden Angriffen wurden in den letzten Wochen im ganzen Land durchgeführt und es gibt Anzeichen für steigenden öffentlichen Zorn über die fremden Soldaten und ihre afghanischen Alliierten. Von den traditionellen Gebieten der Kämpfer im Süden bis in die einst ruhigen Provinzen im Norden verbreitet sich das Blutvergießen.

In den ersten Monaten des Jahres schien es offenkundig zu sein, dass die Widerstandskämpfer alles andere als besiegt waren. Im Januar sprengte sich ein Selbstmordattentäter in einem Supermarkt nahe der britischen Botschaft in Kabul in die Luft und tötete mindestens acht Menschen. Im Februar wurde eine Bank in Jalalabad getroffen, wobei rund 40 Menschen getötet und eine große Anzahl verwundet wurden.

Der deutlichste Hinweis auf das wachsende Selbstvertrauen der Widerstandskämpfer kam allerdings im April, als sie einen Gefängnisausbruch in Kandahar organisierten, bei dem hunderte Gefangene befreit wurden.

All das ereignete sich, ehe die Taliban formell eine Offensive ankündigten, die, wie sie sagten, jeden zum Ziel haben werde, von Regierungsministern und Parlamentsabgeordneten bis zu Vertragspartnern und Spionen der Gegenseite.

Die Kampagne läuft noch kaum einen Monat lang, und schon hat die Bewegung gezeigt, dass sie ihre Worte mit Taten untermauert, hat Spitzenfunktionäre getötet, ein Armeehospital beschossen, neue Gebiete in der Provinz Nuristan besetzt und koordinierte Angriffe in wichtigen Städten unternommen.

Tatsache ist, dass die Taliban und Hezb-e-Islami, eine weitere Widerstandsgruppe, mit derartig großem Effekt arbeiten können, weil sie oft die Unterstützung der einfachen Menschen in Afghanistan bekommen.

Nachdem sie auf wenig Widerstand in den Jahren unmittelbar nach der Invasion 2001 gestoßen waren, finden sich heute die fremden Truppen in einer Situation, in sie die Schlacht um Herzen und Köpfe verlieren.

Die NATO tötet bei Luftangriffen und Überfällen auf Wohnhäuser weiterhin Zivilisten, nährt damit Hass und Argwohn gegen die Okkupation und treibt immer mehr junge Männer in die Arme der Widerstandsbewegung. Die meisten Menschen hatten keinerlei Vorteile von dem vielen Geld, das in das Land geflossen ist.

In ihren wöchentlichen Predigten sprechen sich die Geistlichen immer häufiger gegen die Koalitionskräfte aus, beschuldigen sie, Frauen zu vergewaltigen, Afghanistan auszuplündern und gegen die islamische Kultur zu verstoßen.

Als ein amerikanischer Pfarrer Anfang dieses Jahres in Florida eine Ausgabe des Koran verbrannte, wurden im ganzen Land Demonstrationen abgehalten, wobei die Demonstranten „Tod Amerika!“ riefen und offen die Taliban-Fahne trugen.

Die Vorgangsweise der NATO und die Korruption der Regierung sind zwei Gründe für den Zorn, aber die Vorbehalte gehen noch tiefer. Das ist eine konservative Gesellschaft, die Erfahrung hat mit der Demütigung von Besatzern, darunter das Vereinigte Königreich und die Sowjetunion.

Obwohl die erste Phase des Sicherheitstransfers nur in einer Handvoll Provinzen stattfinden soll und erwartet wird, dass nur eine relativ kleine Zahl von Soldaten der Vereinigten Staaten von Amerika in diesem Sommer abziehen wird, ist klar, dass die Widerstandskräfte versuchen, von dieser Situation zu profitieren und einen entscheidenden Propagandaschlag zu erzielen.

Viele der Angriffe in der letzten Zeit wurden von Kämpfern ausgeführt, die afghanische Armeeuniformen trugen, was die Auffassung stärkte, dass die Regierung nicht fähig sein wird, die Sicherheit aus eigenen Kräften zu gewährleisten. Die Hauptverkehrsverbindungen und Finanzzentren des Landes werden ebenfalls unter zunehmenden Druck geraten, wodurch die bereits gebrechliche Wirtschaft weiteren Belastungen ausgesetzt wird.

Es gibt daher keinerlei Hinweis, dass die Schaffung eines friedlichen und stabilen Zustandes näher rückt, egal was Funktionäre des Westens sagen. Gerüchte um geheime Verhandlungen zwischen den Taliban und Washington sind wieder aufgetaucht, aber die Afghanen glauben nicht, dass die Widerstandskämpfer Kompromisse eingehen werden, wenn alles darauf hinweist, dass sie ständig an Stärke und Fähigkeit dazugewinnen.

Stattdessen scheint sicher zu sein, dass die Gewalt in den kommenden Jahren zunimmt, und an die Ereignisse der nächsten paar Wochen wird man sich später einmal erinnern als den Beginn des langen und schmerzvollen Rückzugs der NATO.

erschienen am 15. Juni 2011 auf > www.antiwar.com

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