Beginnt postamerikanisches Zeitalter?

Warum fehlen bei den vielen Protesten, die derzeit wie eine Welle die gesamte arabische Welt erschüttern, diesmal die Aufnahmen brennender US-amerikanischer Flaggen, fragt die Washington Post verwundert. In der Tat waren solche Bilder früher üblich, wenn in der Region gegen die von Washington gestützten regionalen Despoten demonstriert wurde. In diesen Tagen sucht man jedoch auf den Plakaten und Bannern der Demonstranten vergeblich nach Bezügen zu den USA, im negativen wie auch im positiven Sinne – auch Darstellungen der Freiheitsstatue fehlen. Spielen die USA und all das, wofür sie stehen, in den Köpfen der Demonstranten von Tunesien über Ägypten und Jordanien bis hin in den Jemen keine Rolle mehr? Besorgt fragen sich Politanalysten in Washington, ob im Nahen Osten das durch zunehmende Irrelevanz der zerbröckelnden Supermacht charakterisierte »postamerikanische Zeitalter« bereits begonnen hat?

Offensichtlich hat das Modell der »American Democracy« im Nahen Osten keinerlei Attraktivität mehr. Die Doppelmoral der US-amerikanischen Politik und die Heuchelei Washingtons sind längst entlarvt. Selbst bürgerliche Aktivisten in der Region verzichten daher darauf, das Modell USA im Gespräch mit jungen Demonstranten, die sie für ihre Politik gewinnen möchten, zu erwähnen, um keine negativen Reaktionen zu provozieren. Vor zwei, drei Generationen gehörte die arabische Jugend noch zu den großen Bewunderern der USA und deren freier Popkultur. Aber spätestens seit dem Überfall auf den Irak und dessen Zerstörung sowie der bedingungslosen Unterstützung der israelischen Kriegsverbrechen in Gaza und im Libanon hat sich auch die Jugend zutiefst enttäuscht von Amerika abgewandt.

»In der ganzen Region« sei »niemand mehr proamerikanisch«, präzisierte unlängst Schadi Hamid, Forschungsdirektor der Filiale der US-Denkfabrik »Brookings Doha Center« im Golfemirat Katar die Lage. Die einzige Hoffnung sei noch, »daß Obama diese Chance (die demokratischen Revolten, jW) beim Schopf packt und die Politik der USA fundamental umorientiert. Wenn nicht, dann verlieren wir die arabische Welt«. Aber selbst wenn es dem US-Präsidenten gelänge, gegen die massiven Widerstände des Establishments in Washington eine Neuausrichtung durchzusetzen: Mit einer einfachen Unterstützung der Demokratiebewegung der »arabischen Straße« allein wäre es nicht getan. Ohne eine fundamentale Revision der US-Politik gegenüber der Land raubenden rassistischen Führung Israels dürfte es Washington nicht gelingen, die für seine wirtschaftlichen Interessen so wichtige arabische Welt wieder für sich zu gewinnen. Jüngste Kommentare deuten an, auch in Washington wächst langsam die Erkenntnis, daß Israel nicht länger eine amerikanische Trumpfkarte in der Region ist, sondern eine strategische Belastung.

Quelle

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