So erstaunlich das auch klingt, die NATO, die mächtigste Militärallianz der Erde, könnte den einzigen Krieg verlieren, den dieses 61 Jahre alte Bündnis je ausgetragen hat. Alle ihre Soldaten, schweren Bomber, Panzer, Kampfhubschrauber, Armeen von Söldnern und elektronische Ausrüstung werden geschlagen von einem Haufen von leicht bewaffneten afghanischen Bauern und Angehörigen der Bergstämme.

Dieses Wochenende sind die 28 NATO-Mitglieder in Lissabon konfrontiert mit wachsenden Differenzen über den Krieg gegen Afghanistan, da die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada und Europa sich weiterhin gegen diesen Konflikt entwickelt.

Präsident Obama zeigte wieder einmal schmerzlich, dass er die Außenpolitik der Vereinigten Staaten von Amerika nicht wirklich unter Kontrolle hat. Sein Versprechen, mit dem Rückzug einiger Truppen der Vereinigten Staaten von Amerika aus Afghanistan im nächsten Juli zu beginnen, wurde unverschämt – sogar höhnisch – von Generälen der Vereinigten Staaten von Amerika in Frage gestellt und von wieder auflebenden Republikanern im Kongress abgelehnt. Kaum jemand glaubt an das Rückzugsdatum des Präsidenten.

Obama ist gerade vor dem Premierminister Benjamin Netanyahu auf dem Bauch gekrochen. Er bat Israels Führer dringend um ein kurzes symbolisches Einfrieren des Siedlungsbaus im Gegenzug für eine Multimilliardengabe von hochentwickelten F-35 Tarnkappen-Kampfflugzeugen, Versprechen von Vetos der Vereinigten Staaten von Amerika in der UNO und die Aufstockung der amerikanischen Waffen, die für den Einsatz durch Israel bereit stehen, auf den Wert von $ 1 Milliarde. Selten ist ein Präsident so tief gesunken.

Israel wird wahrscheinlich Obamas Bestechungsgeschenk annehmen, noch weiter versüßt, aber nicht, bevor es sein Gesicht noch in den Schmutz gerieben hat, um zu demonstrieren, wer wirklich die Nahostpolitik der Vereinigten Staaten von Amerika bestimmt und als Warnung, es sich nicht mit Israel anzulegen. Der letzte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der Israels Kolonisierung der West Bank herausgefordert hatte, George H. W. Bush (der Vater), wurde 1992 nach einer Amtsperiode abgesägt.

Es hat den Anschein, also wolle Obama sich wirklich aus dem Afghanistankrieg zurückziehen. Sein letzter Spielzug, 30.000 weitere Soldaten in den $ 7,5 Milliarden pro Monat teuren Krieg zu schicken, hat bis jetzt nicht den erhofften entscheidenden Sieg erbracht. Mächtige Gruppierungen der Kriegsbefürworter, darunter das Pentagon, die Rüstungsindustrie und die Republikaner durchkreuzen die Versuche des geschwächten Obama, den Krieg herunterzufahren.

Politiker in den Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada und Europa, die den Krieg gegen Afghanistan unterstützt haben, fürchten sich zuzugeben, dass dieser Konflikt eine ungeheure Verschwendung von Leben und Geld ist. Ihre politischen Karrieren könnten gefährdet sein.

Der kanadische Ministerpräsident, der versucht, in die Rolle von Großbritanniens verflossenem Tony Blair als Washingtons gehorsamster Alliierter zu schlüpfen, hat gerade angekündigt, dass 900 kanadische Soldaten über das von ihm festgelegte Abzugsdatum hinaus in Afghanistan bleiben werden, vorgeblich zur „Ausbildung“.

Das ist natürlich der neue Euphemismus für Dableiben als ständige Besatzung, um das afghanische Klientenregime an der Macht zu halten. „Ausbildung,“ so wie auch bei den Truppen der Vereinigten Staaten von Amerika im Irak, bedeutet in Wirklichkeit eingeborene Truppen wie im alten britischen Empire unter weißen Offizieren.

Kanadische Journalisten, die sich der Weiterführung des Kriegs gegen Afghanistan widersetzt oder viele der Lügen aufgedeckt haben, die diese rechtfertigen sollten, wurden von ihren Zeitungen auf Druck der Harper-Regierung hinausgesäubert – welche ironischerweise behauptet, in Afghanistan für „Demokratie“ zu kämpfen.

Während die Vereinigten Staaten von Amerika immer tiefer in Krieg und Verschuldung hinein steuern, haben ihre europäischen Alliierten die Nase voll von dem, was eigentlich eine begrenzte „Polizeiaktion“ hätte sein sollen, um Stützpunkte der al-Qaeda zu eliminieren.

Statt dessen bekam Europa einen ausgewachsenen Krieg gegen Afghanistans Paschtunenstämme, der unbehagliche Erinnerungen an seine kolonialistischen „Befriedungsversuche“ im 19. Jahrhundert hochkommen ließ.

Frankreichs neuer Verteidigungsminister Alain Juppé bezeichnete den Afghanistankrieg offen als „Falle“ für die NATO und forderte eine Exit-Strategie. Er hat ganz Recht.

Im Gegensatz dazu warnte der oberste Verteidiger des Vereinigten Königreichs General Sir David Richards: „Die NATO braucht jetzt einen Plan für eine 30 oder 40 Jahre lange Rolle.“ Kurz gesagt ständige Okkupation. Das könnte der gemeinsame Nenner sein, zumindest für das imperiale Lager. Der wirkliche Grund sind die Ressourcen Zentralasiens.

Der von den Vereinigten Staaten von Amerika eingesetzte afghanische Präsident Hamid Karzai fordert, dass die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Militäroperationen und nächtlichen Überfälle einschränken, da diese schwere zivile Verluste verursachen. Washington hält dem entgegen, dass Karzai mental instabil ist. Sobald Washington einen geeigneten paschtunischen Ersatz findet, wird er gestürzt werden.

Amerikas Begründung für den Einmarsch in Afghanistan war die Zerstörung der al-Qaeda. Der Chef der CIA Leon Panetta gab allerdings vor kurzem zu, dass nicht mehr als 50 Kämpfer der al-Qaeda in Afghanistan übrig geblieben sind. Der Rest – nicht mehr als ein paar hundert – ist vor Jahren nach Pakistan geflohen.

Was tun also 110.000 Soldaten der Vereinigten Staaten von Amerika und 40.000 Soldaten der NATO in Afghanistan? Sicher nicht am Aufbau des Landes arbeiten. Die meisten Berichte zeigen, dass Afghanistan in einer schlimmeren Armut und Belastungssituation steckt als vor dem Einmarsch der Vereinigten Staaten von Amerika.

Während Plattitüden und künstlicher Optimismus in Lissabon dick daherkamen, waren riesige Bulldozers der Armee der Vereinigten Staaten von Amerika, Zerstörungskommandos und Artillerie fleißig dabei, breite Streifen durch Wohngebiete rund um die paschtunische Hochburg Kandahar einzuebnen. 2006 führten Marinesoldaten der Vereinigten Staaten von Amerika einen ähnlich skrupellosen Militäreinsatz durch, um die rebellische irakische Stadt Fallujah zu brechen.

Die Vereinigten Staaten von Amerika benutzen die selben Bestrafungstaktiken in Afghanistan und Irak, die Israel in der okkupierten West Bank anwendet: gezielte Ermordungen, Todesschwadrone, Zerstörung von Häusern und ganzen Wohnvierteln als Strafe und um freie Schusszonen zu schaffen. In der Tat wurde das Militär der Vereinigten Staaten von Amerika bei derartigen Operationen oft von israelischen Beratern angeleitet.

Die Zerstörung großer Teile von Kandahar ist ein Zeichen von wachsender Frustration der Vereinigten Staaten von Amerika und des Gefühls, dass der Krieg verloren ist. Sie wird sicher nicht die Herzen und Hirne der Ortsbewohner gewinnen, was das erklärte Ziel des als Gouverneur herrschenden Generals der Vereinigten Staaten von Amerika David Petraeus ist.

Wie der Rest des Pentagons ist Petraeus entschlossen, dass die mächtige Armee der Vereinigten Staaten von Amerika nicht von afghanischen Stammeskämpfern besiegt werden darf. Diese Demütigung wäre unerträglich. Eine Niederlage in Afghanistan würde Forderungen nach großen Einsparungen beim aufgeblähten Militär der Vereinigten Staaten von Amerika aufkommen lassen, diesem Leviathan, der 50% der Militärausgaben der Welt verschlingt.

Washingtons so genanntes nationales Sicherheitsestablishment (in Großbritannien wurden sie „Imperialisten“ genannt) fürchtet auch, dass ein Scheitern in Afghanistan die gesamte NATO-Allianz zu unterminieren droht.

Europa gewinnt wieder langsam Gestalt als eine Weltmacht, wie unbeständig und mühsam auch immer. Die NATO war in erster Linie das Werkzeug der geopolitischen Kontrolle Westeuropas durch die Vereinigten Staaten von Amerika seit Ende der 1940er Jahre. Der Sicherheitspakt zwischen Japan und den Vereinigten Staaten von Amerika spielte die gleiche Rolle in Asien.

Der Verlust des Afghanistankrieges durch die Vereinigten Staaten von Amerika und deren unwillige Alliierten wird die Frage nach der Existenzberechtigung der Allianz hervorrufen und wahrscheinlich Europa dazu bringen, den Aufbau eines gemeinsamen Militärs zu beschleunigen, das nicht mehr der Kontrolle der Vereinigten Staaten von Amerika untersteht. Der amerikanische Zugriff auf Westeuropa wäre damit beendet.

Das ist es, warum Afghanistan die Rechten in Washington so aus der Fassung bringt. Die Niederlage der sowjetischen Armee in Afghanistan leitete 1989 den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums ein. Steht etwa das selbe Schicksal dem amerikanischen Imperium bevor?

Quelle

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