US-Geheimdienste sollen in Pakistan geplante Terroranschläge auf Ziele in London sowie in großen Städten in Deutschland und Frankreich vereitelt haben. So wollen es der britische Sender Sky News und die US-Zeitung Wall Street Journal aus Geheimdienstkreisen erfahren haben und viele deutschsprachige Medien behandeln die sehr vagen Informationen ungeprüft, als hätten sie einen hieb- und stichfesten Wahrheitswert.
So titelte Focus-online: „Geheimdienste verhindern Anschlagsreihe in europäischen Großstädten“. Die Deutsche Welle schrieb: „Terroranschläge auf Europas Metropolen vereitelt“ und die Online-Ausgabe der Hamburger Morgenpost fabrizierte die Überschrift: „Geheimdienste verhindern Terroranschläge in Europa“. Das Blatt vermeldete außerdem, das Bundesinnenministerium habe diese Nachricht bestätigt.

Doch folgt die erste Ungereimtheit auf den Fuß. Während die Anschläge nach Informationen der dpa in den europäischen Großstädten zeitgleich hätten stattfinden sollen, soll Minister Thomas de Maizière laut Hamburger Morgenpost mitgeteilt haben, dass sich keine konkreten Hinweise auf unmittelbar bevorstehende Anschläge in Deutschland ergeben hätten. Ähnlich vage klingt die Auskunft, die der US-Fernsehsender ABC einem hohen US-Beamten entlockte. Demnach habe es sich um eine „glaubhafte“ Gefährdung gehandelt, auch wenn es keine genauen Hinweise auf Ort und Zeit gebe.

Geheimdienste und Strafverfolgungsbehörden in den USA und Europa hatten den ABC-Angaben zufolge erklärt, die Informationen über eine angebliche Bedrohung stammten aus der Befragung eines als Terroristen verdächtigten Deutschen, der im Spätsommer auf dem Weg nach Europa abgefangen worden sei und der zur Zeit auf der US-Basis Bagram in Afghanistan festgehalten werde. Der Deutsche soll ausgesagt haben, mehrere Gruppen von Terroristen – alle mit europäischen Pässen -, seien in Trainingslagern in Pakistan ausgebildet und von dort ausgesandt worden. Der Deutsche habe erklärt, der Attentatsplan sei von Al Qaida-Führer Osama bin Laden gutgeheißen worden.

Nun folgt die zweite Ungereimtheit: Das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden wollte in der Nacht zum Mittwoch auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa nichts zu diesen Berichten sagen und zwei in derselben Nacht von der französischen Nachrichtenagentur AFP befragte französische Behördenquellen gaben an, über Attentatspläne in Frankreich, Deutschland und Großbritannien nicht informiert zu sein.

Während einerseits die von den angeblichen Anschlagsplänen betroffenen europäischen Behörden also nichts oder nichts nach außen Kommunizierbares gewusst haben wollen, hieß es beim US-Sender Sky News, die Terrorpläne seien bereits weit fortgeschritten gewesen und hätten ein ähnliches Drehbuch wie die in der indischen Metropole Mumbai gehabt, als vor knapp zwei Jahren mehr als 160 Menschen starben. Geheimdienste in den USA und Europa hätten zusammengearbeitet, um der jüngsten Bedrohung zu begegnen.

Die dritte Ungereimtheit kann man in der Art und Weise sehen, wie die Medienberichte ihre Informationen herleiten. Während dpa in einer Meldung ausschließlich auf US-Medienberichte verwies, gaben diese zum Teil deutsche Quellen an. Während dpa etwa ABC-News als Quelle nennt, wird in der entsprechenden Meldung des US-Fernsehsenders auf Aussagen von Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik zurückgegriffen. Durch dieses Hin und Her von Informationsfetzen wird es den Bürgern sehr schwer gemacht, sich einen Überblick über die Nachrichtenlage zu verschaffen und zu einer fundierten Einschätzung der vorliegenden Informationen zu gelangen. Bei all dem schleicht sich der Verdacht ein, dass es sich bei dem Ganzen um eine Geheimdienstfinte handeln könnte, um der Bevölkerung diesseits und jenseits des Atlantiks den Krieg des Westens in Afghanistan und die mörderischen US-Drohnenangriffe in Pakistan im Nachhinein als erfolgreichen Beitrag zur Terrorismusbekämpfung rechtfertigen zu können. Genau in diese Richtung weist eine weitere Nachricht, die von dpa verbreitet wird. So habe der US-Geheimdienst nach Informationen des Wall Street Journal die Terrorpläne unter anderem mit Drohnenangriffen auf Ziele in der pakistanischen Unruheregion Waziristan zunichtegemacht. Nach Informationen der Zeitung habe es im letzten Monat so viele Drohnenangriffe auf pakistanische Ziele gegeben, wie seit sechs Jahren nicht mehr.
Es gehört nicht viel Phantasie dazu, um sich vorzustellen, dass dadurch das Bedrohungsgefühl in der europäischen Bevölkerung erhöht werden soll.
Quelle: Nachrichtenmagazin „Hintergrund“, 29. September 2010

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