Das neue Cover der Time erzürnt Abraham Foxman und seine Anti-Defamation League. Ein Davidstern aus weißen Margariten auf blauem Grund titelt: “Why Israel doesn’t care about peace”.1 Der Artikel behauptet, dass es “den Israelis” ökonomisch zu gut gehe, als dass sie ein großes Interesse an Frieden hätten. Und dabei bekommt er, was die ADL nicht ganz versteht, eine  für Israel verständnissvolle Schlagseite, denn man muss ja bedenken: Clinton hatte Arafat 99% zugestanden, aber dieser habe eine Intifada wegen des restlichen 1% losgetreten. Zwar zitiert der Artikel nur einen Israeli, aber er widerspricht dem auch nicht. Schon hat man in der westlichen Welt auch eine gewisse Art von Verständnis für die Lage der Israelis: Lang genug probieren sie es ja schon mit den Arabern.

Die ADL bezichtigt die Time des Antisemitismus, weil sie eine Umfrage aus dem März zitierte, in der nur 8% der jüdischen Israelis den Frieden als das dringendste Problem ansahen, auf Platz fünf nach der Erziehung, Verbrechen, der Sicherheit und Armut. Es ist natürlich ein wenig absurd im September eine Studie aus dem März zu veröffentlichen, weil sich Prioritäten schnell verschieben. Gleichzeitig erschreckt diese Studie doch, selbst im März. Denn während Frieden der jüdischen Bevölkerung im Vergleich zu anderen Themen relativ unwichtig ist, gaben 100% der israelischen Palästinensern, immerhin 20% der gesamten Bevölkerung, dem Frieden die höchste Priorität.

Die ADL versteift sich bei ihrem Vorwurf des Antisemitismus auf etwas banales: materielle Sicherheit macht teilweise auch unempfindlich für die Armut und vor allem das Leid anderer, die daran dann wohl auch teilweise selbst Schuld sein müssen. Oder wie soll man das Verhalten vieler Menschen in Europa verstehen, die unempfindlich sind für das, was ihre Staaten in den Ressourceländern  dieser Welt anrichten? Ganz zu Schweigen von den dauernden Kriegen, die der Westen seit Ende des Zweiten Weltkriegs geführt hat. Denn dieses Prinzip der Ignoranz gilt ja auch intern: Wer es hier zu nichts bringt, dem fehlt der Wille zum Erfolg. Die Menschen kommen, siehe Sarrazin-Debatte, oft nur noch als nützlich oder unnütz vor. Und da wundert man sich allen Ernstes über Israel?

Dennoch: die Umfrage verdeutlicht die Radikalisierung der israelischen Gesellschaft.  Auch andere Umfragen scheinen das Ergebnis der Time zu bestätigen. Adam Horowitz zitiert auf Mondoweiss eine weitere hochaktuelle aus der Maariv. Darin wurden 500 Israelis gefragt, was sie für die wichtigsten Themen des nächsten Jahres sähen.2

36% gaben die Erziehung an, 13% die Gefahr durch den Iran, 12,7% den Kampf gegen die Korruption und 11,3% den Frieden mit den Palästinensern. Selbst, wenn man den Konflikt für mit dem Iran nicht herunterspielen sollte, so muss doch trotz der Aktualität das Desinteresse an einem Frieden gerade denjenigen ins Auge springen, die immerzu behaupten, Israel habe keinen Gesprächspartner bei den Palästinensern. Man muss dies wohl eher umdrehen: die palästinensische Seite sucht verzweifelt nach einem Gesprächspartner auf israelischer, der ihnen Sicherheit garantieren könnte. Ein solcher war und ist lange nicht gesehen.

  1. http://www.time.com/time/world/article/0… []
  2. http://mondoweiss.net/2010/09/maybe-it-s… []
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