Von Amy Goodman, 13.06.2010 – Truthdig / ZNet

Der Zugriff erfolgte am frühen Morgen des 31. Mai. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die sechs Schiffe mit humanitärer Hilfe noch in internationalen Gewässern. Sie waren unterwegs nach Gaza. In Gaza wohnen 1,5 Millionen Palästinenser. Der von Israel verhängte Belagerungszustand geht ins dritte Jahr. Von Anfang an war Israel bemüht, die Debatte über den Angriff auf die Flotte zu beschränken und die Bilder zu kontrollieren.

Israelische Militärboote und Hubschrauber griffen auf die Schiffe zu und übernahmen die Kontrolle über die Flotte. Auf dem größten Schiff, der ‘Mavi Marmara’, wurden neun Aktivisten aus nächster Nähe getötet. Das israelische Kommando setzte dabei scharfe Munition ein. Der 19jährige amerikanische Staatsbürger Furkan Dogan erhielt einen Schuss in die Brust und vier Schüsse in den Kopf. Die Israelis übernahmen das Kommando über die sechs Schiffe. Sie verhafteten die knapp 700 Aktivisten und Journalisten an Bord und schleppten die Schiffe in den israelischen Hafen Ashdod. Tagelang wurde verhindert, dass sich die Festgenommenen wirklich mit ihren Familien, mit der Presse oder Anwälten austauschen konnten. Die israelische Regierung ließ sämtliche Aufnahmen und Kommunikationsgeräte, die gefunden wurden, konfiszieren. Diese Ausrüstungsgegenstände enthalten fast alle Aufnahmen über den Zugriff. Daher konnte der Staat Israel die Informationen kontrollieren, die die Welt über den Zugriff erhielt. Die Israelis wählten aus und bearbeiteten die Aufnahmen redaktionell. Sie suchten das aus, was sie der Welt zeigen wollten.

Vier Tage nach ihrer Festnahme wurden die meisten Gefangenen von der israelischen Regierung abgeschoben. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Story längst manifestiert.

Ich kontaktierte zwei erfahrene australische Journalisten, die über die ‘Gaza Freedom Flotilla’ für die australische Tageszeitung ‘Sydney Morning Herald’ berichteten: Chefkorrespondent Paul McGeough und seine Fotografin Kate Geraghty. Sie hielten sich in Istanbul auf, nachdem Israel sie abgeschoben hatte. Sie waren auf den meisten Schiffen der Flotte gewesen. Zur Zeit des Zugriffs befanden sie sich auf einem der kleineren Schiffe – der ‘Challenger 1’, die unter amerikanischer Flagge segelte.

Frau Geraghty beschreibt, wie sie mit einem Taser elektrisiert wurde: „Ich fotografierte gerade, wie sich die israelischen Kommandos abseilten. Ein weißer Blitz, und das Ding traf meinen Arm. Ich wurde anderthalb Meter weggeschleudert. Es tat weh, und mir wurde umgehend schlecht; ich begann zu speien“. Sie habe geschrien, sie und McGeough seien vom ‘Sydney Morning Herald’. Einer der Kommando-Soldaten habe auf Englisch – mit australischem Akzent – geantwortet: „Wir wissen, dass ihr vom Herald seid“. Trotz ihrer reichlichen Erfahrung als Berichterstatterin in Konfliktzonen auf der ganzen Welt habe sie die Misshandlung durch die Israelis „als persönlicher“ empfunden. „Sie wussten, wer wir waren. Sie stahlen meine Ausrüstung. Sie nahmen uns ungerechtfertigter Weise fest, als wir uns in internationalen Gewässern befanden und über eine legitime Story berichteten“.

Ich wies McGeough auf die Rasmussen-Umfrage hin, die ergeben hatte, dass 49% der befragten Amerikaner/innen glaubten, die pro-palästinensischen Aktivisten an Bord der Hilfsschiffe trügen die Schuld an den Geschehnissen. Er antwortete: „Wenn normale Amerikaner diesen Anblick erlebt hätten: Männer, mit gefesselten Händen, die stundenlang knien mussten, die nicht auf die Toilette durften und in die Hosen machen mussten, oder die Frauen, die dringlich baten, den Männern zu trinken geben zu dürfen, (wenn sie das gesehen hätten), hätten sie ihre Meinung geändert“.

Wenn Journalisten sich frei bewegen dürfen, können sie die Wahrheit berichten. Das israelische Militär sah sich gezwungen, seine Behauptung zurückzunehmen, an Bord der Flotte hätten sich Agenten der Al Kaida befunden. In einer Presseerklärung der israelischen Streitkräfte (IDF), die zwei Tage nach dem Zugriff veröffentlicht wurde, hieß es, dass ungefähr 40 Passagiere der Flotte „Söldner sind, die der Terrororganisation Al Kaida angehören“. Der unabhängige Journalist Max Blumenthal sagte, er und ein israelischer Kollege hätten das Pressebüro des israelischen Militärs aufgefordert, diese Behauptung zu belegen. Es seien aber keine Belege gekommen, und einen Tag später wurde die Presseerklärung relativiert. Die ursprüngliche Überschrift hatte gelautet: „Attackers of the IDF Soldiers Found to be Al Qaeda Mercenaries“ (Die Angreifer der IDF-Soldaten stellten sich als Al-Kaida-Söldner heraus). Jetzt hieß es plötzlich: „Attackers of the IDF Soldiers Found Without Identification Papers“ (Die Angreifer der IDF-Soldaten hatten keine Ausweispapiere bei sich).

McGeough sagte zu mir: „So arbeiten wir: Im Irak betten wir uns mit den US-Streitkräften ein und in Afghanistan mit den australischen Streitkräften. Ich habe mit israelischen Offiziellen gesprochen und in Gaza und in der Westbank mit Hamas-Leuten und Jugendlichen, die gerne Selbstmordattentäter wären. Auf diese Weise kommen unsere Storys zustande. Wenn du nur über die eine Seite der Geschichte berichtest, können sich die Leute kein vernünftiges Bild über einen dynamischen Konflikt machen – hinsichtlich einer möglichen Lösung (dieses Konfliktes)“.

McGeough und Geraghty und all die anderen Journalisten haben ihre Laptops, ihre Kameras, ihr Videomaterial, ihre Fotos und ihren übrigen Besitz von den Israelis noch nicht zurückbekommen. Israel sagt, es werde keine unabhängige Untersuchung des Zugriffs akzeptieren. Israels fortwährende Versuche, die Wahrheit zu verhehlen, gefährden die Sicherheit der Israelis, der Palästinenser und jener, die sich für einen gerechten Frieden im Nahen Osten einsetzen.

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