Nur wenige Stunden nachdem israelische Soldaten am 31. Mai 2010 neun türkische Menschenrechtsaktivisten töteten, versammelten sich spontan Tausende Israelis um den Angriff mit Slogans wie „Tötet die Araber“ zu feiern. Videoaufnahmen der Demo geben einen Einblick, wie sehr sich Teile der israelischen Gesellschaft in der Rolle des rassistischen Aggressors gefallen.

Die Demonstration mit mehreren Tausend Teilnehmern fand am Abend des 1. Juni vor der türkischen Botschaft in Tel Aviv statt, zu einem Zeitpunkt als sich Tote und Verwundete des israelischen Überfalls immer noch in der Hand der israelische Armee befanden und diese keine Informationen über deren Identität öffentlich machte. Die Videoaufnahmen geben einen Einblick in das Selbstverständnis vieler Israelis als belagerte, international geächtete Nation, die nur auf ihre eigene Stärke vertrauen kann. Konsens unter den Demonstranten scheint so z.B. die Annahme zu sein, die Besatzung des türkisches Hilfsschiffes Mavi Manara bestünde aus Terroristen. So sagt einer der Demonstranten: „Dies war eine provokante Aktion des Islamisches Jihad zusammen mit Hamas und Hisbollah.“

Die Reaktionen vieler Demonstranten werden erst verständlich, wenn man die massive Propaganda-Kampagne der israelische Armee betrachtet. So behauptete diese z.B. in israelischen Medien, dass sich 40 „Al-Qaida-Söldner“ an Bord des Schiffes befunden hätten. Zwar konnte die Armee diese Vorwürfe nicht bestätigen und nahm sie später sogar zurück, doch ignorierten die meisten israelischen Medien die spätere Richtigstellung.

Weit verbreitet unter den Demonstranten ist zudem die Gewissheit, die Aktionen der israelischen Armee wären rechtlich vollkommen legitim. So sagt einer der Demonstranten: „Was hier passierte war völlig gerechtfertigt,“ ein anderer fügt hinzu: „Ich glaube jedes Wort unserer Soldaten. Jedes Wort!“. In völliger Missachtung des völkerrechtswidrigen Charakters des Angriffes auf ein ziviles Passagierschiff, welcher neun Tote und dutzende Verletzte zur Folge hatte, beschreibt ein junger Israeli den Angriff wie folgt: „Die Soldaten kamen in Frieden mit ihren Hubschraubern […] Ja, ein Hubschrauber der Liebe, wenn sie so wollen. […] Viele türkische Männer kamen und haben sie angegriffen und wir mussten Gewalt anwenden.“

Bezug genommen wird auch zu angeblich antisemitischen Aussagen der Mavi Marmara-Besatzung. Medien weltweit berichteten über den Satz „Go back to Auschwitz“ mit dem Besatzungsmitglieder die Aufforderung der israelischen Armee das Schiff zu stoppen erwidert haben sollen. Berichtet wurde weder darüber, dass die türkische Hilfsorganisation IHH dementierte, dass dieser Satz über den Bordfunk gesendet wurde,noch über das Eingeständnis der israelischen Armee, die Audiodatei nachträglich bearbeitet zu haben. Auch die internationale Verurteilung Israels lässt sich für viele Demonstranten nicht durch die wiederholten Gewalttaten der israelischen Armee sondern nur durch weltweite antisemitische Stereotype erkläre.

Auf der Demonstration, die mittels Facebook vom rassistischen Fußballverein Betar Jerusalem organisiert wurde, kommt es es immer wieder zu anti-arabischen und anti-türkischen Ausfällen. So skandieren in mehreren Szenen hunderte Israelis den Slogan „Tod den Arabern“, einzelne Demonstranten rufen „Fuck off Turkey“ oder „Go to Hell“ in die Kamera. Mehrere Demonstranten sehen die Folgen des Angriffes sogar positiv. So kommentiert ein junger Mann: „Ich bin sehr glücklich darüber was passierte, denn es hat das Land geeint – und nicht alle Israelis [sondern] alle Juden!“

Quelle

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