Soviel ist unstrittig: am 26. März 2010 sank das südkoreanische Kriegsschiff Cheonan nahe der Baengnyeong-Insel im Gelben Meer, wobei 46 Seeleute starben.

Tödliche Zwischenfälle auf See nahe der vor der Küste Nordkoreas liegenden jedoch zu Südkorea gehörenden Inseln gab es in der Vergangenheit schon häufiger. So war eben jene jetzt gesunkene südkoreanische Korvette Cheonan, die eigentlich auf U-Boot-Bekämpfung spezialisiert gewesen sein soll, 1999 am ersten Gefecht von Yeonpyeong beteiligt, bei der Wikipedia zufolge etwa 30 Marinesoldaten Nordkoreas ums Leben gekommen sein sollen. Beim zweiten Gefecht von Yeonpyeong 2002 sollen Wikipedia zufolge 13 nordkoreanische und 6 südkoreanische Marinesoldaten ums Leben gekommen sein. Im Oktober 2003 jagten südkoreanische Schiffe erfolglos zwei angebliche nordkoreanische U-Boote. Am 1. November 2004 gab de südkoreanische Marine Schüsse auf nordkoreanische Boote ab, was jedoch nicht zu Toten führte. Am 10. November 2009 kam es zum Gefecht von Daecheong, bei dem Wikipedia zufolge etwa zehn nordkoreanische Marinesoldaten ums Leben gekommen sein sollen. Der letzte Zwischenfall vor dem Sinken der Cheonan waren wechselseitige Warnschüsse in der Nähe der Insel Yeonpyeong Ende Januar 2010. Rechnet man das Sinken der Cheonan dazu, sind bei diesen sogenannten Krabbenkriegen in den letzten 11 Jahren 52 südkoreanische und schätzungsweise 53 nordkoreanische Soldaten ums Leben gekommen sowie zwei südkoreanische Kriegsschiffe und ein nordkoreanisches Kriegsschiff gesunken.

Wirtschaftlicher Hintergrund der Auseinandersetzungen ist, dass die Gewässer reich an Krabben sind. Militärischer Hintergrund ist, dass Nordkorea durch die Northern Limit Line, die 1953 anlässlich des Waffenstillstandes im faschistischen Angriffskrieg gegen Nordkorea einseitig von den US-geführten Kräften als Seegrenze zwischen Nordkorea und Südkorea verkündet wurde, eingeschnürt und bedroht wird. So hat Südkorea auf der nur etwa acht Quadratkilometer großen Insel Yeonpyeong, die 12 km vor der Küste Nordkoreas liegt, jedoch 80 km vom südkoreanischen Festland entfernt ist, etwa 1000 Soldaten stationiert, die nordkoreanische Fischer bedrohen. Auch auf der Insel Baengnyeong, die weit nördlich vom südkoreanischen Festland direkt vor der Küste Nordkoreas liegt und in deren Nähe nun die Cheonan gesunken ist, befinden sich Militär- und Geheimdienstbasen Südkoreas und der USA, die erst im Februar neue Waffen bekommen haben.

Südkorea behauptet nun nach monatelanger Untersuchung, ein nordkoreanischer Torpedo habe sein Kriegsschiff Cheonan auf der südkoreanischen Seite der Northern Limit Line versenkt. Als Beweisstück wurden von Südkorea und einigen seiner Verbündeten Reststücke eines Torpedos gezeigt, die in der Nähe der Sinkstelle gefunden worden sein sollen, und angeblich nordkoreanischer Bauart sein sollen. Der politisch weit rechts außen stehende südkoreanische Präsident Lee Myung Bak, der sich mit dem Versprechen einer harten Linie gegenüber Nordkorea hatte wählen lassen, verdammte die Versenkung der Cheonan als “militärische Provokation” und drohte Nordkorea “resolute Schritte” an. Was das allerdngs für Schritte sein sollen, blieb offen, denn Lee Myung Bak steckt in einem “Vergeltungsdilemma“: einerseits will er eine “harte Haltung” zeigen und andererseits hat er praktisch nichts, womit er Nordkorea wirksam drohen kann.

Nordkorea weiß sich gegen Drohungen und Einschüchterungsversuche nämlich recht gut zu wehren, wie aus der jüngeren Geschichte bestens bekannt ist. Bestens ist noch in Erinnerung, wie 2009 inmitten der Gespräche zur Denuklerisierung der koreanischen Halbinsel der UN-Sicherheitsrat Nordkorea unter Führung der USA für den Start einer Rakete verurteilte und Nordkorea daraufhin die Gespräche abbrach, sein Atomwaffenprogramm wiederaufnahm und kurz darauf einen erfolgreichen Atombombentest durchführte. Daraufhin wurden scharfe Sanktionen gegen Korea verhängt, Kriegsdrohungen gegen Nordkorea ausgestoßen und die USA kündigten an, beliebige ihnen verdächtig vorkommende nordkoreanische Schiffe aufbringen und durchsuchen zu wollen, was Nordkorea damit beantwortete, dass es erklärte, seine Atomraketen wären ohne weiteres in der Lage Seoul zu erreichen und Nordkorea werde amerikanische Schiffe versenken, wenn die USA versuchen sollten, nordkoreanische Schiffe aufzubringen. Ergebnis der Aktion war die Feststellung, dass sich Nordkorea mit Drohungen und Sanktionen nicht dazu bringen lässt, die Weltherrschaft der Pax Americana anzuerkennen und vor den USA auf die Knie zu fallen.

Angesichts der militärischen Stärke und der wilden Entschlossenheit zur Verteidigung wirken die permanenten Drohungen von Lee Myung Bak und seinen verbündeten Kriegstreiber in den USA etwas hilf- und ratlos. Was bisher nur wenig erklärt wurde, ist, welches Motiv Nordkorea dabei gehabt haben sollte, die Cheonan zu versenken. Die süddeutschen Zeitung unterstellt Nordkorea nun, sie hätten die Cheonan versenkt, um eine Strategie der Spannung zu fahren und so die Herrschaft der kommunistischen Regierung in Nordkorea durch das Schüren außenpolitischer Spannungen innenpolitisch zu stärken. Die Geschichte klingt auf den ersten Blick ebenso plausibel, ganz wie die Lüge, Nordkorea hätte 1950 den Süden angegriffen.

Auf den zweiten Blick klingt die Geschichte jedoch weniger plausibel, und das nicht nur, weil in dem SZ-Artikel die Erwähung des oben dargestellten “Krabbenkrieges” komplett “vergessen” wurde. Die von der süddeutschen beschriebene Strategie der Spannung war nämlich schon immer eine Domäne der NATO und ihrer Militärs. So haben NATO-Offiziere im Rahmen von Gladio nicht nur mit innenpolitischen Maßnahmen wie der Bombenlegung im Bahnhof von Bologna 1980 und der anschließenden Beschuldigung von Linken den dortigen rechtsextremen Polizeistaat zu legitimieren versucht, sondern türkische NATO-Offiziere haben aus innenpolitischen Gründen auch geplant, einen ihrer eigenen türkischen Militärjets über der Ägäis abzuschießen und anschließend Griechenland dessen zu beschuldigen.

Und genau das behauptet nun Nordkorea bezüglich der Cheonan. Ihnen werde die Versenkung der Cheonan aus innenpolitischen südkoreanischen Gründen in die Schuhe geschoben, sagt Nordkorea. Nordkorea meint, Südkorea habe sein Schiff selbst versenkt und die anschließende Untersuchung gefälscht, um Spannungen zu schüren und dadurch die Machtbasis des rechten südkoreanischen Präsidenten Lee Myung Bak zu stärken. Die USA und ihre Verbündeten brauchten der nordkoreanischen Ansicht zufolge einen Vorwand, um Spannungen zu schüren und Nordkorea mit weiteren Sanktionen und militärischen Drohungen unter mehr Druck setzen zu können. Das macht durchaus Sinn, jedensfalls mehr Sinn als die von der süddeutschen Zeitung verbreitete Verschwörungstheorie zur Versenkung der Cheonan, und das liegt keineswegs nur an der klaren und erfrischend deutlichen Sprache, die Nordkorea in seinen Verlautbarungen wählt.

Insbesondere Nordkorea und die politische Linke in Südkorea profitierten nämlich von der Sonnenscheinpolitik Kim Dae-jungs, die zum Ziel hatte, die Spannungen zwischen Nord- und Südkorea abzubauen. Rechtsextreme südkoreanische Militärs und Politiker sowie amerikanische Kommunistenhasser können nur verlieren, wenn im Rahmen einer solchen Versöhnungspolitik die Fakten der Geschichte von einer Wahrheits- und Versöhnungskomission überprüft werden und dabei die zahllosen faschistischen Verbrechen genauestens dokumentiert werden. Die südkoreanische Rechte und die USA hatten durchaus ein Motiv, die Entspannungspolitik weiterhin so zu sabotieren wie sie es schon die vergangenen Jahrzehnte getan haben.

Quelle

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