Die Erfindung des jüdischen Volkes

Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand

Mit der Gründung und Konsolidierung des Staates Israel ging eine unablässige Aneignung von Land und Ressourcen durch Vertreibung, Verdrängung und Unterwerfung der dort ansässigen palästinensischen Bevölkerung einher. Weit über diese unmittelbare Konfrontation hinausgehend harrt dieser Konflikt virulenter denn je einer Lösung. Da sich der zionistische Entwurf, dessen Vorgeschichte weit ins 19. Jahrhundert zurückreicht, unter heftigen Kontroversen entfaltet und in einem Zentrum internationaler Konfrontation durchgesetzt hat, bedurfte er angesichts seiner ausgeprägten Präsenz im Fokus der Mächte nicht nur der tragfähigen Garantie einflußreicher Bündnispartner, sondern stets auch eines hochentwickelten Fundaments seiner ideologischen Rechtfertigung. Die Drangsalierung des unterlegenen palästinensischen Kollektivs durch die aus vielen Quellen gespeiste israelische Übermacht ist so offensichtlich und inakzeptabel, daß eine wachsende Parteinahme für die schwächere Seite in dieser Auseinandersetzung aus moralischen, völkerrechtlichen oder allgemein politischen Gründen nur durch ein ausgefeiltes Konstrukt zur Begründung israelischer Suprematie aus dem Feld geschlagen werden kann.

Die Gründungsmythen Israels wurden bereits von einer Reihe kritischer Experten auf den Prüfstand gestellt und in erheblichen Teilen demontiert. Der Historiker Shlomo Sand fügt dem eine außerordentlich erhellende Arbeit über die Erfindung des jüdischen Volkes hinzu, die das Gebäude der zionistischen Ideologie in seinen Grundfesten erschüttert. Mutet der Titel des Buches zunächst wie ein unerhörter Affront an, so überzeugen gut 500 Seiten solider Beweisführung in ihrer wissenschaftlich fundierten und zugleich anregend konzipierten Präsentation den Leser, wie zutreffend die Kernthese des Autors ist. Läßt ein Werk dieses Umfangs von hohem wissenschaftlichen Anspruch für gewöhnlich eine schwer verdauliche Kost erwarten, so sieht man sich angenehm überrascht, wie ungern man dieses Buch aus der Hand legt, bevor man es zu Ende gelesen hat. Geschichte wird dabei nicht nur lebendig, sondern zugleich mit der Skepsis eines Forschers unter die Lupe genommen, der nur zu gut weiß, daß der Historiker stets Gefahr läuft, als Kind seiner Zeit die Vergangenheit nach seinen Wünschen und Absichten zu interpretieren.

Letzteres gilt in besonderem Maße für den Gründungsmythos des Staates Israel, dessen Bedarf an wirkmächtigen Deutungsmustern angesichts seiner Implantation in Palästina gewaltig ist. Dieses schwer zu definierende Staatswesen birgt den eklatanten Widerspruch in sich, als erklärtermaßen jüdischer Staat rund zwanzig Prozent seiner Bürger auszugrenzen, die anderer Identität sind. Damit wird eine beträchtliche und ihrem prozentualen Anteil nach weiter wachsende Minderheit zu Staatsbürgern zweiter Klasse erklärt und de facto auch gesetzlich benachteiligt. Wenngleich Israel mit seinen allgemeinen und (relativ) freien Wahlen wie auch anderen Bürgerrechten einer Demokratie ähnelt und dies auch vehement für sich reklamiert, kann man unter den genannten Umständen diese Auffassung doch nicht teilen. Auch die These, es handle sich um eine Theokratie, da die dominante Glaubensüberzeugung oder Religionszugehörigkeit über die vollwertige Staatsbürgerschaft bestimmt, vermag nicht zu überzeugen.

Shlomo Sand neigt nach ausgiebiger Erörterung dieser verwirrenden Konstellation dazu, von einer liberalen Ethnokratie zu sprechen. Liberal deshalb, weil solche Elemente in der Gesellschaft zweifellos vorhanden und in einigen Sektoren auf dem Vormarsch sind – Ethnokratie, weil „jüdisch“ keineswegs identisch mit einer religiösen Zugehörigkeit ist, sondern sich ihrer bedient, um eine säkulare Identität zu begründen. Dabei räumt der Autor durchaus ein, daß ein offenerer Umgang des Staates mit allen Bürgern und ein allgemeiner Trend zur israelischen Identität die Abgrenzung aufweichen und schließlich pluralistische und demokratische Verhältnisse herbeiführen könnte. Ein solcher historischer Trend zur Auflösung der ethnozentrischen Verhärtung sei jedoch nicht zu erkennen. Nach wie vor stehe die essentialistische Weltanschauung, auf der die Unterscheidung zwischen Juden und Nichtjuden gründet und über die der Staat definiert wird, einer Demokratie im Weg.

Israel definiert sich als Staat aller Juden, gleich wo sie zu Hause sind, und dies ungeachtet des Umstands, daß sehr viel mehr Juden weder in Israel leben noch sich dort dauerhaft aufhalten möchten. Wenngleich im zionistischen Sinn die „Rückkehr“ aller Juden zum wünschenswerten Ziel erklärt wurde, ist neben den mannigfachen Gründen, die Existenz in einem anderen Land vorzuziehen, die riesige Gemeinde der „Diaspora“ unverzichtbar für Israel. Sein Aufstieg zur atomar bewaffneten Regionalmacht wie auch sein wirtschaftlicher Fortbestand hängen unmittelbar von der ununterbrochenen milliardenschweren Subventionierung aus den USA und Europa ab. Um diese sicherzustellen, nehmen jüdische Lobbyorganisationen Einfluß auf die Politik der jeweiligen Länder und sorgen so dafür, daß Israels Bedeutung seine geographischen Ausmaße bei weitem übersteigt.

Der Gründungsmythos Israels macht glauben, ein altes Volk, das schon vor Jahrtausenden in dieser Region ansässig war und ein bedeutendes Reich besaß, sei vertrieben und in alle Welt verstreut worden, bis es nach diesem Exodus und einer ewig anmutenden Wanderschaft wieder in seine angestammte Heimat zurückkehren konnte, um die dort herrschende Ödnis erneut zum Blühen zu bringen. Shlomo Sand legt auf Grundlage einer sorgfältigen Recherche und stichhaltigen Analyse überzeugend dar, daß keines der maßgeblichen Bestimmungsstücke dieses Narrativs historisch nachzuweisen ist. Es handelt sich vielmehr um Erfindungen europäischer Zionisten im 19. Jahrhundert, die zur israelischen Staatsdoktrin geronnen sind und deren Anrecht auf „Erez Israel“ zu Lasten der Palästinenser begründen sollen.

Der aufblühende Nationalismus dieser Epoche korrespondierte mit dem Bestreben der europäischen Mächte, sich im Inneren zu konsolideren, ihre Nachbarn zu übertrumpfen und ihre kolonialistische Expansion zu forcieren. Die Einheit der Nation, die Überlegenheit der eigenen Identität und die ruhmreiche Inbesitznahme als rückständig eingestufter Regionen und ihrer Bewohner geriet angesichts entfesselter Produktivkräfte im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zum unverzichtbaren Anspruch, galt es doch, die aufbrechenden inneren Widersprüche des Klassenkampfs ebenso zu bezwingen wie sich in der erbitterten Konkurrenz um Territorien, Landbesitz, Rohstoffe und nicht zuletzt Menschenmaterial zu behaupten.

Um diesen Drang ideologisch zu begründen und zugleich zu befördern, mußte die eigene Identität scharf herausgearbeitet und ausdrücklich von anderen abgegrenzt werden. Nationen definierten sich nicht wie in der Vergangenheit ausschließlich über ihre Eliten, sondern unter tendenziellem Einbezug aller Bürger, wobei freiheitlich motiviertes Nationalgefühl und Identität erzwingende Repression einander vor allem in den Anfängen oftmals feindlich gegenüberstanden. Da die Frage der Zugehörigkeit nur gewaltsam entschieden werden konnte und man zugleich einer alle Bürger subsumierenden Doktrin bedurfte, hatten Kontroversen um den nationalen Charakter Hochkonjunktur, die in Konstrukte wie Volk, Rasse, Ethnie oder Blut mündeten.

Nationalbewegungen machten sich auf die Suche nach einem goldenen Zeitalter, in das hinein sie ihre heroische Vergangenheit konstruierten. Das klassische Griechenland, die römische Republik, die gallischen oder germanischen Stämme mußten als vermeintlicher Beweis herhalten, daß man keineswegs aus dem Nichts aufgetaucht, sondern schon immer dagewesen sei. Für das in alle Welt verstreute Judentum bedurfte es besonderer Anstrengungen, ein jüdisches Volk mit einer durchgängigen Verbindung zu erfinden. Der jüdische Nationalismus badete sich im Glanz von König Davids mythischem Reich, wie er sich überhaupt zur Stiftung einer kollektiven Identität der biblischen Texte bediente. Diese lieferten die benötigte Teleologie und Mythologie, um die Vorstellung des auserwählten Volkes wiederauferstehen zu lassen, das dazu bestimmt sei, die Welt zu erlösen. Obgleich sich die jüdischen Gläubigen seit der Antike nicht sonderlich für die Bibel interessiert hatten, da die mündliche Auslegung der Thora im Mittelpunkt ihres Gottesdienstes stand, spielte der biblische Kosmos mit dem Aufstieg der pränationalen jüdischen Geschichtsschreibung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in säkularisierter Form zunehmend die Hauptrolle bei der Konstruktion eigener Identität als Kollektiv.

Shlomo Sand nimmt den Leser mit auf eine Entdeckungsreise durch die jüdische Geschichte, auf der er die konstitutiven Elemente ihrer Erforschung unter Darstellung widersprüchlicher Auffassungen und Schlußfolgerungen dekonstruiert und auf ihren mythischen Kern zurückführt. Dabei schrumpfen überzogene zeitliche Dimensionen und glorifizierte biblische Königtümer auf ein bescheidenes Maß, während zum Judentum konvertierte Reiche wie jenes der Himjar im Gebiet des heutigen Jemen, der geheimnisvollen Berberkönigin Kahina in Nordafrika oder das Imperium der Chasaren in den Steppen entlang der Wolga und im nördlichen Kaukasus dem Vergessen enthoben werden. Alle Zeichen deuten darauf hin, daß sich die unterstellte ungebrochene Linie eines jüdischen Volkes keinesfalls halten läßt, welches daher als zweckdienliche Erfindung eingestuft werden muß.

Der zionistische Staat hat sich Privilegien verschafft, auf die zu verzichten in jedem Fall ein schmerzhafter Prozeß mit ungewissem Verlauf wäre. Andererseits steuert er unter Zuspitzung seiner Doktrin in eine neue Dimension des ungelösten Nahostkonflikts, wenn es zum Schulterschluß des palästinensischen Widerstands in den Autonomiegebieten mit dem absehbaren Aufbegehren des dauerhaft diskriminierten Teils der israelischen Gesellschaft kommt. Unter den zahlreichen Fragen, die sich am Ende dieses Buches stellen, hebt der Autor daher als letzte und vielleicht schwierigste jene hervor: Ist die jüdisch-israelische Gesellschaft bereit, sich von der alten Vorstellung zu verabschieden, die sie zum „auserwählten Volk“ macht, und aufzuhören, sich selbst abzugrenzen und andere auszustoßen? Wenngleich er die Aussicht, daß es dazu kommen könnte, pessimistisch einschätzt, will er doch einen möglichen Bruch mit diesem Vormachtstreben nicht gänzlich ausschließen. Wenn es möglich ist, die Vorstellung von der nationalen Vergangenheit auf radikale Weise zu verändern und festzustellen, daß diese zum Großteil ein bloßer Traum war, könnte man auch anfangen, eine neue Zukunft zu erträumen, ehe sie zum Alptraum wird.

Shlomo Sand
Die Erfindung des jüdischen Volkes
Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand
Propyläen Verlag, Berlin 2010
506 Seiten, 24,95 Euro
ISBN 978-3-549-07376-6

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