Uri Blau droht Haft wegen Bericht über „gezielte Tötungen“ in israelischer Armee: „Nicht nur ein Kampf für meine persönliche Freiheit“. „Ich hätte mir nie gedacht, dass ich in London bleiben muss und nicht mehr nach Tel Aviv zurückkehren kann als Journalist und freier Mann, und das nur, weil ich einen Bericht veröffentlicht habe, der dem Establishment nicht passt“, schreibt Uri Blau am Freitag in einem Kommentar in der liberalen israelischen Tageszeitung Haaretz.

Blau ist jener Journalist, der 2008 in der Haaretz den Artikel mit dem Titel „Lizenz zum Töten“ über die trotz Gerichtsverbots stattfindenden „gezielten Tötungen“ der israelischen Armee berichtet hatte. Die Informationen soll er, wenn es nach Informationen der Regierung geht, von der 23-jährigen Anat Kam erhalten haben. Kam steht seit vier Monaten unter Hausarrest, weil sie während ihres Wehrdienstes zahlreiche Dokumente, darunter auch Unterlagen über eben jene „Tötungen“ der israelischen Armee kopiert und einige davon an Uri Blau weitergegeben haben soll.

Blau bleibt in London

Am Donnerstag war die Nachrichtensperre über den Fall Anat Kam aufgehoben worden. Zuvor durften weder israelische Medien noch ausländische Korrespondenten berichten (derStandard at. berichtete). Israelische Medien berichteten am Donnerstag nach Aufhebung der Nachrichtensperre, die 23-jährige habe während ihres Militärdienstes etwa zweitausend geheime Dokumente kopiert. Diese haben sich nach Informationen der internationalen Organisation für die Verteidigung der Pressefreiheit „Reporter ohne Grenzen“ (RSF) auf extralegale Hinrichtungen von Palästinensern bezogen.

Nach ihrer Entlassung aus der Armee habe die Frau die Geheimdokumente für ihre journalistische Arbeit verwendet und weitergegeben. Bereits im Jänner sei gegen Kam Anklage wegen Spionage und Verletzung der Staatssicherheit erhoben worden, hieß es. Die Journalistin, die zuletzt für die Online-Nachrichten „Wallah!“ arbeitete, müsse mit einer langen Haftstrafe rechnen.

Weil Blau in Israel weiterhin Haft droht, bleibe er bis auf weiteres in London, schreibt der Journalist nun. Vor einem Monat erfuhr er über Telefon, dass jemand in seine Wohnung eingebrochen und in seinen Sachen gewühlt habe. Blau befand sich in Bangkok, als ihn die Polizei über den Einbruch informierte. Über Anat Kams Festnahme hatte er in China erfahren, das war Anfang Dezember. Am 14. April beginnt das Verfahren gegen Kam, die wegen Hochverrats und Spionage angeklagt ist.

„Für immer mundtot“

Als Blau Ende November Israel verließ, hatte er noch keine Ahnung, dass er vorerst nicht mehr zurückkehren werde. Telefon, Emails und sein Computer würden bereits seit langem überwacht, und als man ihm klar gemacht hätte, dass er im Falle einer Rückkehr „für immer mundtot gemacht“ und ihm ein Prozess wegen Spionage angehängt werde, habe er sich dazu entschlossen, zu kämpfen: „Sorry für das Klischee, aber das ist nicht nur ein Kampf für meine eigene, persönliche Freiheit, sondern für Israels Image“, schreibt Blau.

Es sei schließlich nicht der Job eines Journalisten, seinen Lesern, Arbeitsgebern oder den politischen Spitzen des Landes Freude zu machen. Jeder Journalist wisse allerdings, dass Anschuldigungen nicht ohne Beweise möglich seien. Bis heute allerdings hätte kein israelischer Journalist gewusst, dass ihn Berichte zum Staatsfeind erklären und ihn ins Gefängnis bringen könnten.
(DER STANDARD)

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