Wegen einer lässlichen Sünde ist die Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland von allen Spitzenämtern zurückgetreten. Andere Spitzen der Gesellschaft, die täglich Todsünden begehen, haben es sich bequem eingerichtet und denken nicht einmal im Traum daran, dass sie längst gegangen sein müssten.

Mit weniger lässlichen Sünden hat die Katholische Kirche zu tun – allerdings sind es zumeist solche von vor dreißig und mehr Jahren, die medial behandelt werden, als ginge es hier und jetzt um Leben und Tod. Sicher, Trunkenheit am Steuer taugt nicht zum Vorbild, und die Abschaffung des Zölibates würde so manch überflüssige Sumpfblüten in der katholischen Kirche vermutlich mit einem Schlag beseitigen.

Merkwürdig aber, dass in dieser Diskussion mit voller Unterstützung der etablierten Medienoligopole ausgerechnet die wichtigsten moralischen Instanzen Deutschlands diskreditiert werden, die gerade völlig zu Recht begonnen hatten, sich zu aktuellen, unser Land schicksalhaft betreffenden politischen Großereignissen aus moralischer Sicht zu äußern. Meint vielleicht mancher, der auf die jeweiligen Repräsentanten mit Häme einschlägt, doch auch deren unbequeme Botschaft? So kann man von den aktuellen, womöglich eigenen, wirklichen Todsünden ablenken, die hier und heute begangen werden:

Dem von deutschen Spitzenbeamten und -politikern immer noch mindestens durch Nichtstun unterstützten völligen moralischen Niedergang der Finanzwirtschaft, der multimilliardenschwer voll und rücksichtslos international zu Lasten des gemeinen Wohls geht, ohne dass bisher Verantwortliche auch nur im Entferntesten wirklich zur Rechenschaft gezogen worden wären. Sie tun weiter „Gottes Werk“. Und dem jedenfalls fragwürdigen militärischen deutschen Engagement in Afghanistan. Im letztgenannten Fall geht es in der Tat direkt um Leben und Tod.

Link: Dresdner Neujahrspredigt

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