Dr. Alexander von Paleske — Im Jahre 1966 schrieb der damalige Redakteur des politischen Ressorts der Wochenzeitung Die Zeit, Theo Sommer – heute fungiert er als Editor at large der ZEIT – zum Krieg in Vietnam:

„Bei aller Kritik an seinen Modalitäten halte ich dieses Engagement im Grundsatz für richtig und unvermeidlich. Als „Zwei-Ozeane-Staat“ müsse Amerika die Freiheit in Asien ebenso verteidigen wie in Europa, als Weltmacht habe es die Aufgabe, den chinesischen Kommunismus einzudämmen, nach der Dominotheorie würde eine Kapitulation in Vietnam nur Aggressionen in Südostasien auslösen. Er sehe keine Alternative zum Engagement.“ (Karl Heinz Janßen, Die Zeit in der ZEIT, 1996 S. 218)

Pressezar Axel Springer gab zur gleichen Zeit die Parole aus:

“ In Saigon wird Berlin verteidigt“.

Wenn man Saigon durch Kabul ersetzt und Südvietnam duch Afghanistan, dann sind wir in der Jetztzeit angekommen.

Und weiter heisst es bei Karl Heinz Janßen:

Als der damalige US Präsident Johnson seinen gescheiterten Oberkommandierenden, General Westmoreland zurückruft, tritt Redakteur Theo Sommer den Rückzug an und verkündet, dass der Krieg nur um einen unzumutbar hohen Preis gewonnen werden kann und das bisherige Ziel – ein unabhängiges, stabiles, nichtkommunistisches Südvietnam möglicherweise unerreichbar ist.“

Bei der Orientierungssuche zum Thema Afghanistan erwartet man von der ZEIT als führender liberaler Wochenzeitung Deutschlands „Meinungsführerschaft“ basierend auf tiefschürfenden substantiellen Analysen. Aber auch, dass sie aus ihren Fehlern gerade im Zusammenhang mit der Einschätzung des Vietnamkrieges gelernt habe.

Die verstorbene Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, deren 100 Geburtstag gerade mit grossem Tam Tam in der Wochenzeitung gefeiert wurde, formulierte das einst so:

„Wir müssen die Emotionen rationalisieren, wir müssen gegenhalten, wenn die Leute sich zu viel aufregen, und wir müssen anfeuern, wenn sie stumpfsinnig dasitzen und immer noch nicht begriffen haben, dass etwas Unerhörtes vorgeht

In Afghanistan geht Unerhörtes vor sich

Eine der grössten Militäraktionen überzieht das Land. Ungezählte Opfer hat sie bereits unter der Zivilbevölkerung verursacht.

Das ursprüngliche Kriegsziel, die Vertreibung der Al Qaeda war bereits nach kurzem Einsatz im Jahre 2001 erreicht. Osama bin Laden und seine Terrorfreunde konnten aus dem Höhlenkomplex Tora Bora nach Pakistan entkommen, weil man „vergessen hatte“ die Fluchtrouten nach Pakistan, deren gab es zwei, komplett zu sperren.

Die Al Qaeda -Terroristen zogen in die Stammesgebiete Pakistans, die afghanischen Taliban verschwanden erst einmal von der Bildfläche, aber nur kurzfristig.

Neue Terroristenheimat

Al Qaeda fand aber nun neben den Stammesgebieten in Pakistan andere Länder als Basis und Nachahmer: In Yemen, in Somalia, in Mali.
Der Abzug der Nato-Truppen hätte deshalb längst auf der Tagesordnung stehen müssen. Aber mit Afghanistan hatte man Grosses vor. Im Eilgalopp sollte aus den zersplitterten Stammesstaat ein Zentralstaat gemacht werden, ohne die Bevölkerung, und die wird in erster Linie durch die Stammesältesten vertreten, zu konsultieren. Ihnen wurde statdessen von aussen ein Konzept übergestülpt.

Etwas Geld floss in einige Infrastrukturprojekte, wie Strassenbau Elektrizitätsversorgung. Milliarden flossen hingegen für das Militär. Kabul samt deren korrupter Regierung zweigten ordentlich Gelder für sich ab.

Alles ganz entsprechend der Maxime des seinerzeitigen US Präsidenten Bush, dass man nach Afghanistan gekommen sei, um Al Qaeda zu vertreiben, aber nicht, um den Wiederaufbau des Landes abzusichern.

Daneben folterte man und bombte kräftig in Gebieten, die abseits der Hauptstrassen und Städte lagen, oftmals traf man statt der Taliban die Zivilbevölkerung. Und neben den regulären Truppen bediente man sich zunehmend der Söldnerfirmen wie Blackwater (jetzt XE), Triple Canopy, Dyncorp und anderen. Söldner, die schon im Irak durch das Abknallen von Zivilisten sich einen zweifelhaften Ruf erworben hatten.

Das Resultat:

Die Taliban kamen zurück und fanden Unterstützung in der Bevölkerung. Denn mittlerweile stellten die Afghanen fest, dass die Nato Truppen als Besatzer sich dort eingerichtet hatten, dass an der miserablen Lage für die verarmte Bevölkerung sich nichts, aber auch gar nichts änderte, und dass die Zentralregierung vor allem die Taschen sich vollstopfte.

Anfänglich vereinzelte Aktionen der versprengten Taliban wurden zu einem organisierten Guerillakrieg.
.Dier Aehnlichkeit mit dem Krieg in Vietnam ist frappierend, die Kommentare in den Medien ebenfalls..

Und während Nato- Soldaten, auch Bundeswehrsoldaten, in Zinksärgen in die Heimat zurückkehren, kippte die Zustimmung zu dem Kriegsabenteuer in Afghanistan. Nicht nur in Deutschland, auch in den USA ist die Mehrheit der Bevölkerung mittlerweile gegen den Einsatz der eigenen Truppen dort.

Dönhoffs Credo?

In solch einer Situiation erwartet man von einer liberalen Wochenzeitung das, was die seinerzeitige Herausgeberin Marion Dönhoff seinerzeit so formulierte:

Der legitime Platz des Liberalen ist zwischen allen Stühlen, Es darf ihn nicht kümmern, wenn er von allen Seiten beschimpft wird.

Was wir in den letzten Monaten in Sachen Afghanistan jedoch geboten bekamen, entsprach kaum diesem Credo. Im Gegenteil.
Mit-Herausgeber Josef Joffe, dessen Artikel im Zusammenghang mit dem Israel-Iran-Konflikt wir schon als kriegstreiberisch kritisiert hatten, meldete sich am 3. September vergangenen Jahres zu Wort: „Krieg als Vorsorgeprinzip“ Zitat:

Wir müssen in Afghanistan bleiben, zu unserem eigenen Schutz

Also: Berlin wird in Kabul verteidigt. Als Vorsorge sozusagen. Eine Analyse der Verhältnisse in Afghanistan fehlt völlig. Die soziale Basis der Taliban und die Gründe für deren Erstarken werden in oberflächlichster Weise abgehandelt. Und schliesslich das Resumee

„Der Machtkampf gegen die Taliban wird eher durch Kungeln als durch Kugeln entschieden. …Selbstverständlich muss diese (militärische) Herkulesarbeit von einem nationalen Versöhnungsprozess überwölbt werden, der auch diverse Taliban-Truppen einbezieht, denen Stammesinteressen näher sind, als der Koran.“

In die gleiche Kerbe hauen dann die Universalreporterin Andrea Böhm und Bernd Ulrich am 14 Januar 2010.
Titel: „So lange wie nötig“.

Wie in Joffes Artikel fehlt jegliche substantielle Analyse. Dafür wird pauschal als Klischee verdammt, aus der Vergangenheit zu lernen „Geschichte schreibt kein Diktat für die Zukunft“ . Da werden „Erfolge“ bei der Bekämpfung des Mohnanbaus berichtet, und gleichzeitig unterschlagen, wie katastrophal die militärische Lage durch den Zustrom, den die Taliban erhalten, mittlerweile geworden ist.

Dann wird dafür geworben, dass sich der Abzug der Bundeswehr nicht exakt bestimmen lässt, es könnten auch acht Jahre sein, das hänge von der Stabilität in Afghanistan ab. Und diese Stabilität hänge davon ab, ob die Afghanen einen Staat zu Gesicht bekommen, der, so hässlich er auch sein mag, eine minimale Grundversorgung sichern kann.

Auch der SPD-Fraktionschef Steinmeier darf sich verbreiten unter der Ueberschrift „Jetzt raus-nein“.

Erst jetzt – endlich –möchte man sagen, hat der ehemalige Kanzler und nun Herausgeber der ZEIT Helmut Schmidt, klare Worte gesprochen, nämlich dass der Krieg nicht zu gewinnen ist. Schmidt fordert Zurückhaltung bei der Bereitstellung weiterer Truppen.

Den Aufbau einer afghanischen Polizei und Armee sieht er mit grosser Skepsis, weil ein Zentralstaat in Afghanistan sowohl in der nahen als auch mittleren Zukunft eine Illusion bleiben dürfte.
Er schliesst:

„Ich muss vermuten, dass sich der Westen nur unter grossen Verlusten der Zivilbevölkerung, der Soldaten, Verlusten an Ansehen und politischem Prestige aus Afghanistan „herauswursteln“ kann – wenn überhaupt.

Und Helmut Schmidt stellt den Konflikt in Afghanistan zutreffend in einen grösseren Zusammenhang mit anderen Konflikten.

Palästinakonflikt als Treibsatz

Der Konflikt Israels mit den Palästinensern, anders ausgedrückt, die Weigerung Israels, den gerechten Forderungen der Palästinenser zu entsprechen, stattdessen deren tagtägliche Demütigung, hat Auswirkungen, die weit über das eigentliche Konfliktgebiet hinausreichen und werden weiter den Dschihadisten die Munition und die Truppen zuführen, ob in Pakistan, Yemen, Somalia oder in der Sahara.

Es ist schon bedauerlich, dass die führende Wochenzeitung Deutschlands erst mit der Stellungnahme Helmut Schmidts wieder etwas Meinungsführerschaft dank vernünftiger Analyse zurückgewinnen konnte, die sie durch die erbärmlichen Artikel von Böhm, Joffe und Co mittlerweile verloren hatte.

Und während heute ein Stammesführer in Deutschen Fernsehen (DW-World) darauf hinwies, dass nur bei einem Wiederaufbau, der den Namen verdient, die Unterstützung der Bevölkerung für die Taliban nachlassen werde, hat im Gegensatz dazu die Nato auf einer Konferenz in der Türkei gerade beschlossen, trotz mehr Truppen die Mittel zu kürzen.

Man braucht nicht viel Phantasie um zu erahnen, wieviel Mittel tatsächlich der verarmten und hungernden Bevölkerung Afghanistans letztlich zur Verfügung stehen werden.

Den Taliban dürfte das nur recht sein. Die Nato und die Zeit arbeiten für sie.

Quelle

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