Eine Reihe von kürzlich gemachten Äußerungen von Präsident Obama und Richard Holbrooke, US-Sondergesandter für Afghanistan und Pakistan und wichtiger Berater des Präsidenten, enthüllen wie Washington sein imperialistisches Projekt sieht und was es von Deutschland erwartet.

Die Oslo-Rede von Obama, die darin gipfelte, dass Krieg in der Menschheit verwurzelt und oft notwendig sei, um Frieden zu erreichen, geben den Hintergrund für seine Politik, beenden aber auch jeden Zweifel darüber, welche konkreten Absichten er hat. Er macht keinen Hehl daraus, dass sein Vorhaben ist, die US-Interessen voranzubringen—auch mit Krieg. Die Banalität seiner Überlegungen ist schockierend: weder ein Philosoph noch ein Theologe, sondern der Chef der größten existierenden Militärmaschine doziert über die „Existenz des Bösen in der Welt“.

Sein Vergleich von Al-Qaida mit Adolf Hitler ist natürlich lächerlich—Nazi-Detuschland war eine expansive Macht, die seine Nachbarn direkt bedrohte. Die ganze Rede, immerhin aus Anlass der Entgegennahme des Friedensnobelpreises, erschien seltsam unpassend. Vielleicht hatte das Nobelpreiskommitee auch etwas mehr Heuchelei erwartet. Die Enttäuschung war jedenfalls erheblich, enthält aber vielleicht auch etwas Positives: trotz seines korrekten Englisch und seines Harvard- Stils—etwas anders als bei seinem Vorgänger—wird er jetzt einige Problemen mehr haben, die öffentliche Meinung zu überzeugen, hoffentlich auch in den USA.

Zwei Interviews von Holbrooke vom 9. Dezember—in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Süddeutschen Zeitung—erklären, was die USA über ihre Kriege denken. Holbrooke verteidigt den deutschen-US Luftangriff in Kundus, auch wenn er zugibt, dass „man die Taliban nicht so einfach von den Nicht-Taliban unterscheiden“ könne. Bezüglich Afghanistan geht es seiner Meinung nach darum, eine demokratisches Land zu schaffen oder, sagen wir in der unschuldigeren Version, den afghanischen Mädchen eine Grundschulerziehung zu verschaffen.

Ohne auch einen minimalen Beweis dafür zu nennen, dass die Taliban hinter dem 11. September oder den anderen Angriffen in Europa stecken oder Allierte von Al-Qaida ist, scheinen die USA zu glauben, in den asiatischen Bergen gegen „internationalen Terrorismus“ zu kämpfen. Es werde Krieg geführt, so die Argumentation, um die Terroristen „in der Defensive zu halten.“ Wenn die Taliban nicht besiegt würden, so Holbrooke, dann erhalte Al-Qaida eine noch breitere Basis. Was die USA eigentlich über Al-Qaida und die Taliban wissen, ist unklar. Osama bin Laden erscheint in der US-Propaganda als böser Zauberer aus einem Science fiction-Genre, gegen den nun ein realer Krieg geführt wird. Selbst wenn diese beiden Terror gegen die USA stiften möchten, gäbe es nicht vernünftigere Mittel, solche Kräfte zu blockieren als einen solchen Krieg?

Auch wichtig ist das Thema, dass genau solche Kriege wie in Afghanistan und Irak, zusammen mit der Unterdrückung der Palästinenser durch die USA und Israel, ein Hauptgrund dafür sind, dass einige junge Muslime und Araber in die Nähe von Terrorismus rücken.

Holbrooke gibt zu, dass in diesem Krieg von viel Fortschritt nicht die Rede sein kann. „Im Ergebnis fangen wir im neunten Jahr wieder von Anfang an.“ Die Präsidentenwahl Karsais sei „schmutzig, gezeichnet von Unregelmäßigkeit und Betrug“ gewesen. Ohne Bedenken vor Widersprüchen behauptet Holbrooke: „Jeder weiß nun, dass Hamid Karsai der legitim gewählte Präsident ist.“ Es fehlt nicht die Bemerkung, dass er in dieses Land seit den 1970er Jahren „verliebt“ sei. Aber den Afghanen wird empfohlen, auf ihre, so Holbrooke, „traditionelle Fremdenfeindlichkeit“ zu verzichten und sich nicht zuviel auf ihre Geschichte mit ihrem oft erfolgreichen Widerstand gegen die Russen und Briten zu berufen. Die Afghanen hörten nicht auf, davon zu sprechen, beschwerte sich Holbrooke, sie erwähnten es „immer wieder, als ob es gestern gewesen wäre“. Besser sei es für sie anzuerkennen, dass „wir nicht ausgetrieben werden“ könnten. Die Gründe dafür, dass er sich dessen so sicher ist: „Wir sind nicht die Sowjetunion“.

Holbrooke sagte explizit, dass, nachdem die Taliban besiegt sein würden, Al-Qaida selbst in Pakistan angegriffen würde. Einen möglichen US-Einmarsch in Pakistan antizipierend, erhält dieses Land von Holbrooke prophylaktisch einen Schlag auf die Finger, da es nicht in der Lage sei, „mit seinen internen Problemen fertig zu werden.“ Und mit der traditionellen Arroganz einer imperialen Macht, die zu tun hat, während die anderen nicht viel machten, äußert er, dass dieses Land viel Hilfe von jenseits des Atlantik erhalte, aber „sich nicht sehr dankbar“ erweise.

Die Londoner Konferenz Anfang nächsten Jahres—natürlich unter der Führung des führenden Landes—solle einen internationalen Konsensus darüber schaffen, „wie wir den Afghanen helfen.“ In diesem Gesamtplan hat Deutschland seinen Platz. Gefragt, ob die USA von Berlin mehr Soldaten oder mehr Landwirtschaftsberater verlangen, versetzte Holbrooke: „Schön wäre beides.“ Aber großzügig wie die USA mit ihren untergeordneten Allierten nun ‚mal sind, versichert der Sondergesandte, dass es auch ginge, wenn Deutschland „noch sechs Wochen“ bräuchte.

Der Krieg gegen den Terrorismus ist ein weltweites Abenteuer, das man beliebig ausweiten kann: Irak und Afghanistan sind nur der Beginn. Über Pakistan war bereits die Rede. Der US-Senat ermutigte den Präsidenten jetzt durch ein einstimmiges Meinungsbild, dass Jemen auch für einen Einmarsch in Frage kommen sollte. Wenn die zusätzlichen 30.000 Soldaten in Afghanistan nicht reichen, können wir sicher sein, dass noch mehr folgen werden. In Oslo hat Obama behauptet, dass Hitler durch eine gewaltlose Bewegung nicht gestoppt werden konnte. Viele—auch in Europa—beginnen sich zu fragen, wer die USA stoppen wird. Die Deutschen sollten sämtliche neuere US-Äußerungen aufmerksam lesen, um zu verstehen, wohin der neu gekürte Friedensnobelpreisträger sie führt.

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