Wie die US-Strategie in der vorletzten Phase des Vietnam-Kriegs

Berliner Regierungskreise ziehen zur Ausweitung des Krieges in Afghanistan eine weitere Aufstockung der deutschen Besatzungstruppen in Betracht. Dies berichtet der Deutschlandfunk. Demnach soll die Obergrenze der am Hindukusch operierenden deutschen Militärs bei der Verlängerung des Mandats, das in zehn Wochen abläuft, auf 7.000 erhöht werden. Die Meldung wird offiziell nicht bestätigt; Regierungspolitiker räumen jedoch öffentlich Gespräche über eine beträchtliche Erhöhung der Truppenstärke ein. Gleichzeitig wurde bekannt, dass der für das Massaker von Kunduz verantwortliche Oberst vermutlich vor Gericht gestellt und verurteilt wird.

Erst vor wenigen Tagen hat die Bundeswehr den Probebetrieb des neuen Transportpanzers „Boxer“ aufgenommen, der ab dem kommenden Jahr auch in Afghanistan eingesetzt werden kann und den Besatzern eine flexiblere Kriegführung ermöglicht. Die Aufrüstungsbestrebungen gehen mit einer Eskalation der Spannungen auch im deutschen Besatzungsgebiet einher, die inzwischen selbst die afghanischen Parteigänger des Westens entzweien und das Land in totales Chaos zu stürzen drohen. Die USA kündigen zusätzlich an, ihre Drohnenangriffe auf pakistanisches Territorium auszuweiten und eine weitere Stadt unter Beschuss zu nehmen: Quetta in der Provinz Belutschistan. Der zentralasiatische Flächenbrand, der schon innerhalb der afghanischen Grenzen längst nicht mehr zu kontrollieren ist, weitet sich aus. Parallelen zur früheren Kriegführung in Vietnam, Kambodscha und Laos sind offenkundig.
 
Mehr Soldaten
 
Berliner Regierungskreise ziehen eine Aufstockung der deutschen Besatzungstruppen in Afghanistan auf 7.000 Soldaten in Betracht. Dies berichtet der Deutschlandfunk. Demnach könnte die Obergrenze für das deutsche Kontingent im Zuge der Mandatsverlängerung um 2.500 Soldaten angehoben werden.[1] Das Mandat läuft am 13. Dezember ab. Die erneute Aufstockung soll den deutschen Militärs eine schlagkräftigere Kriegführung ermöglichen und zugleich den Handlungsspielraum der Bundesregierung auf der angekündigten internationalen Afghanistan-Konferenz vergrößern, die demnach nicht, wie ursprünglich geplant, bereits im Dezember, sondern erst im Februar oder März 2010 stattfinden wird. Offiziell werden die Pläne nicht bestätigt. Allerdings räumen Regierungspolitiker ein, über eine deutliche Erhöhung der Truppenstärke nachzudenken.
 
Stärkeres Kriegsgerät
 
Um die künftige Kriegführung zu intensivieren, beginnt die Bundeswehr in diesen Tagen außerdem mit dem Probebetrieb eines neuen Transportpanzers. Der „Boxer“ ist mit Keramikplatten sowie Spezialfasermatten besser als die derzeit genutzten Bundeswehrfahrzeuge gegen Minen geschützt und daher für den Einsatz in Afghanistan besonders geeignet. Die ersten 36 von insgesamt 272 Exemplaren sollen bereits nächstes Jahr ausgeliefert werden. Das Gerät erreicht bei einer Reichweite von 1.000 Kilometern eine Geschwindigkeit von mehr als 100 Stundenkilometern und wird damit die deutsche Militärlogistik am Hindukusch erheblich verbessern. Die „Boxer“, für die das Bundesverteidigungsministerium 743,5 Millionen Euro zahlen muss, verfügen zudem über austauschbare Aufbauten: Binnen nur einer Stunde lassen sie sich vom Sanitätspanzer in eine rollende Leitstelle oder auch einen Kampfwagen mit 30-Millimeter-Kanone verwandeln.[2]
 
Totales Chaos
 
Die Truppenaufstockung und die Aufrüstungsprojekte gelten einem Gebiet, das über Jahre im Vergleich zum afghanischen Süden und Osten als einigermaßen ruhig galt, in jüngster Zeit aber dramatisch anschwellende Auseinandersetzungen erlebt. Dies betrifft nicht nur die Aufstände, die an Intensität zunehmen und immer größere Teile Nordafghanistans erfassen, sondern auch die afghanischen Parteigänger des Westens. So sind der aus dem Norden kommende Präsidentschaftskandidat Abdullah Abdullah und der ihm verbundene Gouverneur der Nordprovinz Balkh (Hauptstadt: Mazar-e-Sharif) nicht nur mit Präsident Karzai verfeindet, sondern inzwischen auch mit dessen neuem Parteigänger Mohammad Fahim, der ebenfalls aus dem Norden des Landes stammt. Der Streit ist zur Blutfehde eskaliert und hat zahlreiche Gewalttaten verursacht, unter denen die Bevölkerung Nordafghanistans leidet. Selbst ein Übergang zu bürgerkriegsähnlichen Kämpfen zwischen den beiden Fraktionen kann nicht mehr ausgeschlossen werden: Abdullah hat bereits verlauten lassen, er denke daran, Unruhen anzuzetteln, sollte seine Wahlanfechtung nicht zum Erfolg führen.[3] Das Gebiet ist auf dem Weg ins vollkommene Chaos.[4]
 
Undenkbar
 
Ungeachtet der überall zunehmenden Auseinandersetzungen kündigen die Vereinigten Staaten jetzt eine Ausweitung ihrer Drohnenangriffe auf pakistanischem Territorium an. Hatte Washington diese Attacken, die für zahlreiche zivile Tote verantwortlich sind, bislang auf die North West Frontier Province beschränkt, so sollen künftig auch Ziele in der Provinz Belutschistan bombardiert werden, insbesondere in der Stadt Quetta. In London, das als ehemalige Kolonialmacht beträchtliche Erfahrung mit Kriegen in Südasien hat, werden die Folgen eines solchen Bombardements als „undenkbar“ bezeichnet. Offene Unruhen könnten nicht länger ausgeschlossen werden. Als Motiv für die Pläne wird in Washington genannt, dass Aufständische aus Afghanistan in Quetta Unterschlupf finden; man werde womöglich auch Sonderkommandos nach Belutschistan schicken, ist in der US-Hauptstadt zu hören. Galt es lange als offenes Geheimnis, dass Aufständische aus Afghanistan tatsächlich in Quetta anzutreffen waren, heißt es heute in Geheimdienstkreisen, diese hätten sich längst nach Karachi begeben, eine 13-Millionen-Einwohner-Stadt im Süden Pakistans, die als gänzlich unkontrollierbar gilt. Umfangreichere US-Operationen in Karachi – die nächste denkbare Eskalationsstufe – könnten gänzlich unabsehbare Aufstände auslösen.[5]
 
Potenzierte Brutalität
 
Die westliche Praxis, den Krieg ständig auszuweiten und zugleich sein nahes Ende anzukündigen, ähnelt der US-Strategie während des Vietnam-Krieges in seiner vorletzten Phase. Als in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre absehbar wurde, dass ein Sieg über die Aufstandsbewegungen in ihren eigentlichen Kerngebieten unmöglich war, überzog das westliche Militär die Nachbarländer mit Subversionsattacken und offenen Bombardements. Zur Begründung wurde angeführt, man müsse die Rückzugs- und Versorgungsgebiete des Gegners in Kambodscha und Laos treffen. Die Aufblähung des Aggressionsapparats, in den auch Bundesbürger integriert waren, potenzierte die Brutalität der westlichen Kriegshandlungen, ohne die Stärke des Gegners brechen zu können. Da sich dessen Partisanen- und Guerillatätigkeit auf zivile Sympathisanten stützte, bedrohte jede ausländische Truppenaufstockung immer neue Bevölkerungskreise.
 
Blut und Tränen
 
Zuletzt zielte die US-Strategie nicht mehr auf Sieg über den Gegner, sondern auf Gesichtswahrung an der Heimatfront. Eine Politik der verbrannten Erde, der zehntausende Vietnamesen zum Opfer fielen, sollte den Rückzug einleiten und für den Anschein von Stärke sorgen. An diesem Punkt sind auch die heutigen NATO-Strategen angelangt. Mit der bevorstehenden Kontingenterhöhung der Bundeswehrtruppen ist die amtierende Regierung aus SPD und CDU/CSU als europäische Vorreiterin tätig und leitet die letzte Kriegsphase ein: Blut und Tränen. (PK)
 
Weitere Berichte über die Entwicklung der deutschen Afghanistan-Politik finden Sie bei www.german-foreign-policy.com, wo dieser Artikel bereits erschien: Vormarsch auf Kabul, Afghanistan sagt Danke, Kriegsabstimmung, Partner ohne Uniform, Hilfsgeld-Empfänger, Kriegsgebiet Südwestasien, Das Jahr der Entscheidung, Warlords, Krieg ist Frieden, Die Bomben von Kunduz, Killerteams und Verloren.
 
[1] Berlin will angeblich Afghanistan-Kontingent aufstocken; AFP 01.10.2009
[2] Rheinmetall liefert „Boxer“ aus; Rheinische Post 23.09.2009
[3] s. dazu Warlords
[4] Blood and thunder in embattled Balkh; Asia Times Online 23.09.2009
[5] US threatens airstrikes in Pakistan; The Sunday Times 27.09.2009

Quelle

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