Gelächter und Posieren des Westens – während die Opfer in Gaza verrotten

von Robert Fisk

Die Titelseite der Beiruter Tageszeitung «As-Safir» brachte es am 19. Januar auf den Punkt. Über die obere Hälfte der Seite zog sich ein schreckliches Foto. Es zeigte den aufgequollenen Leichnam eines Palästinensers, der soeben in den Trümmern seines Hauses gefunden worden war. Zwei männliche Mitglieder seiner Familie schreien und brüllen ihre Trauer hinaus. Darunter war ein etwa halb so grosses Foto abgebildet. Es zeigte westliche Führer, die mit dem israelischen Premierminister Ehud Olmert scherzten. Olmert brüllte vor Lachen. Silvio Berlusconi hatte seine Arme von hinten um Olmerts Schultern gelegt. Auch er scherzte und brüllte – vor Lachen, nicht vor Trauer. Zur Rechten Olmerts war Nicolas Sarkozy zu sehen. Er hatte sein dümmstes Lächeln aufgesetzt. Nur die deutsche Kanzlerin Angela Merkel schien den moralischen Kollaps zu erfassen: kein Lächeln aus Deutschland.
Die Europäer lachen, während die Palästinenser ihre Toten beklagen. Kein Wunder, dass die Strassenläden in Beirut blühende Geschäfte mit Palästinenser-Tüchern und palästinensischen Flaggen machen. Selbst einige der ernsthaftesten Gegner Palästinas in Libanon trugen ein Palästinenser-Tuch (Keffiyeh), um sich mit den Menschen in Gaza zu solidarisieren. Al-Jazeera-TV blendete unter seinen Nachrichtenreportagen fortlaufend Schlagzeilen ein. Gezeigt wurden Palästinenser, wie sie die verwesenden Körper ihrer Toten trugen: «Mehr als 1300 Tote in Gaza, 400 davon Frauen und Kinder – 13 Tote auf israelischer Seite, 3 davon Zivilisten». (Auch) das sagt alles.
Den ganzen Tag mussten die Araber ertragen, wie ihre eigenen Führer beim Arabischen Gipfel in Kuwait auftraten und vor den Kameras herumliefen und posierten. In Kuwait trafen sich Könige und Präsidenten, die von sich behaupten, diese Araber zu regieren. Sie lächelten und schüttelten Hände. Sie versuchten, so zu tun, als stünden sie vereint hinter dem so schwer betrogenen palästinensischen Volk. Selbst Mahmoud Abbas war anwesend. Abbas – der machtlose, impotente Führer «Palästinas». Wo genau liegt dieses Land? – sollte man fragen. Abbas versuchte, etwas an Bedeutung zu gewinnen, indem er an den Roben- und Mantelsäumen der Oberen sog.
Vielleicht sollte man Mitleid mit den versammelten Grossen haben – wie sie so über die Leichen von Gaza stolperten und schlidderten. Was sollten sie auch tun? König Abdullah von Saudi-Arabien kündigte an, 750 000 Pfund für den Wiederaufbau von Gaza bereitzustellen. Wie oft haben Araber und Europäer Geld über Gaza ausgeschüttet – um mitanzusehen, wie alles wieder von Granaten geschreddert wurde? Es gilt anzumerken, dass die beiden bewaffneten Hamas-Männer, die in den Ruinen von Gaza verkündeten, einen «Sieg» errungen zu haben, kaum weniger heuchlerisch waren. Sie hatten nicht begriffen, dass sie nicht die libanesische Hisbollah waren und Gaza nicht (mehr) Beirut. Gaza erscheint wie Stalingrad. Aber welche Uniformen, denkt die Hamas, trägt sie? Deutsche oder sowjetische?
«Israel muss begreifen», sagte der gute König (Abdullah von Saudi-Arabien) und tat so, als würde Israel ihm zuhören, «dass die Wahl zwischen Krieg und Frieden nicht immer offenstehen wird und die Arabische Initiative (die Anerkennung Israels durch die arabischen Staaten im Gegenzug für dessen Rückzug auf die Grenzen von 1967), die heute noch auf dem Tisch liegt, nicht immer auf dem Tisch liegen wird». Er wusste, dass «Auge um Auge […] nicht bedeutet, ein Auge für das Auge einer ganzen Grossstadt». Doch wie lange noch? Wie viele Leichen müssen noch aus Ruinen geborgen werden, bevor die Saudis begreifen, dass die Zeit abgelaufen ist?
2002 wiesen die Israeli die Formel «Land für Frieden» brüsk zurück. Gestern zeigten sie sich plötzlich wieder interessiert. «Wir werden weiterhin Bereitschaft zeigen, auf der Basis dieser Initiative mit all unseren Nachbarn zu verhandeln», sagte ein Sprecher der israelischen Regierung und tat so, als hätte sein Land diese Initiative ursprünglich nicht zurückgewiesen und den Arabern vor die Füsse geknallt.
Syriens Präsident Bashar al-Assad hatte vergangene Woche in Katar natürlich die ganze Initiative für tot erklärt und darauf gepocht, Israel zu einer «terroristischen Entität» zu erklären. Gestern erniedrigte sich (der Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde) Mahmoud Abbas weiter, indem er verkündete, «die einzige Option» für die Araber sei ein Frieden mit Israel. An «Mängeln» auf arabischer Seite habe es gelegen, dass die Arabische Initiative 2002 gescheitert sei – nicht an Israels Zurückweisung, Gott bewahre. Nein, ganz allein die Araber seien schuld. Das sagt ausgerechnet der Führer «Palästinas».
Kein Wunder, dass Amerikas Mann in Ägypten – ein gewisser Hosni Mubarak – seinen ermüdenden, alten Slogan wiederholte: «Der Frieden im Nahen Osten ist ein Muss, das nicht verschoben werden darf.» Und dann lud der Emir von Kuwait Syriens Bashar al-Assad, Hosni Mubarak, König Abdullah von Jordanien und den saudischen König gleichen Namens zum Mittagessen ein – das Menü blieb ein Geheimnis –, um das festliche Treffen zu beschliessen.
Al-Jazeera zeigte noch verwestere Körper, die unter geborstenem Beton und Kreuzbalken hervorgezogen wurden. Zur gleichen Zeit diskutierten die mächtigen Potentaten ihre kleinen Zwistigkeiten. Was für eine Scharade. Sie ist wirklich nicht adäquat zu kommentieren. •

Quelle: ZNet (http://zmag.de)