Ein Phänomen dieser Tage – und grundsätzlich immer bei vergleichbaren Weltsituationen – besteht in der Polarisation der Menschen bei Missachtung von Vernunft, Sachlichkeit und vor allem Menschlichkeit. Es bedarf aber einer sachgerechten Analyse, um das Phänomen zu verstehen.

Seit einem halben Jahrhundert besetzt Israel Palästina und tut alles, damit kein Staat für Palästinenser jemals errichtet wird. Sind wirklich Millionen von Zionisten zu ignorant, um das zu erkennen? Israel eröffnet einen Krieg um die “terroristische Bedrohung“ durch die Hamas zu verhindern und ermordet dabei das Vielfache an Zivilisten, die Hamas seit seiner Gründung auch nur bedroht hätte. Warum erkennen Zionisten dieses extreme Missverhältnis nicht? Ist einem Zionisten das Blut eines Freundes wertvoller als das Blut von 100 “feindlichen“ Frauen und Kindern?

Solche und ähnliche Gedanken und Fragen führen viele Sympathisanten der Palästinenser (seien sie Muslime oder nicht), aber auch viele neutrale Beobachter, die durchaus gewisse Sympathien für Israel haben, stehen fassungslos vor der Situation. Sind Zionisten wirklich alle so unmenschlich? Noch fassungsloser beobachten viele, wie fast alle jüdischen Gemeinden in Deutschland sich mehr oder weniger bedingungslos hinter Israel stellen und das Massaker an der Zivilbevölkerung in irgendeiner Form rechtfertigen.  Sind Juden wirklich so herzlos?

All jene Gedanken und Fragen führen absolut in die Irre. Sie führen zu Antisemitismus und damit zu einem Rassismus, den man ja eigentlich bekämpfen will. Aber woran liegt das?

Es liegt an einer Denkweise, die fast alle Menschen gefangen hält und in einen fürchterlichen Kerker der Unmenschlichkeit treibt. Die Grausamkeit kommt mal hier mal dort zutage und das Erscheinungsbild, wie sehr man durch dieses selbst auferlegte Gefängnis unmenschlich wird, hängt von den äußeren Umständen ab. Heute wirken Israelis, Zionisten, auch manche Juden unmenschlich, gestern wirkten andere derart; aber am unmenschlichen Geist hat sich nur wenig geändert, hüben wie drüben!

Die Ursache für all diese Unmenschlichkeit ist eine Denkweise die von “Ihr und Wir“ ausgeht. Alles was “wir“ tun, ist mehr oder weniger OK, und alles was “die“ tun ist schwach oder falsch, außer es dient bzw. nützt uns. Diese urteuflische Denkweise spaltet die Menschen in Nationen, Völker, Ethnien (das moderne Wort für Rassen) usw.. Und mit aller Macht wird dem Menschen eingetrichtert, dass er zu einer bestimmten “Gruppe“ gehöre, die er noch nicht einmal wählen konnte, sondern die ihm “angeboren“ ist. Jene Gruppe heißt nicht “Menschheit“ sondern ist ein Spaltung davon: Teile und Herrsche!

Die Vorstellung, dass mehr oder weniger alle Juden z.B. in Deutschland die Massaker an der Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen gutheißen würden, ist eine antisemitische Vorstellung, Selbst wenn das derzeitige Erscheinungsbild fast aller jüdischen Gemeinden in Deutschland so ist. Woran aber liegt es? Es liegt ebenfalls an obiger Denkweise, die die Nachrichten und Urteile der “Anderen“ minder bewertet, als die eigenen Rechtfertigungen, mögen sie noch so absurd sein: Sicher Israel tötet auch Zivilisten, aber daran ist die Hamas Schuld, weil sie Zivilisten als Schutzschild nutzt. Mag sein, dass auch eine UN-Schule getroffen wurde, aber die Hamas schießt aus dem Gebäude. Mag sein, dass ein Rotes-Kreuz-Fahrzeug getroffen wurde, aber Hams benutzt die Fahrzeuge um Waffen auszuliefern. Mag sein, dass sogar ein Flugzeug auf ein Gebäude geschossen hat, in dem vorher Zivilisten von israelischen Soldaten zusammengepfercht wurden, aber das war sicherlich ein Versehen oder die Einzeltat eines Einzelpiloten usw.. Sind das nicht hinreichende Argumente, um die eigene Position zu bestärken, so lange die Gegenposition ohnehin nicht akzeptabel ist.

Und auch das ist leicht zu begründen: “Die“ sind eben alle antisemitisch.
Doch ist diese Verhalten ein typisch “jüdisches“ Verhalten? Oder könnte es nicht eher sein, dass es ein typisches Verhalten von nahezu allen Menschen ist, die sich selbst in eine “Menschengruppe“ eingesperrt haben, selbst wenn es auf Kosten ihrer eigenen Menschlichkeit geht?

Wie ist es denn z.B. mit den Christen in der Welt und Guantanamo? Wie viele Kirchen der Welt haben bis heute aufgeschrieen, als Bush den Kreuzzug erklärt hat? Hat der Papst Bush kritisiert oder ihn mit Privataudienzen geehrt? Und die Kreuzzüge selbst; waren die nicht im Namen einer Menschengruppe, die dahinter stand? Und wie ist es mit dem Irak? Steht nicht die gesamte USA mehr oder weniger dahinter? Die wenigen Protestbewegungen – im Verglich zur Gesamtheit der US-Bürger – sind in diesem Zusammenhang vernachlässigbar.

Und wie ist es mit den deutschen Soldaten in Afghanistan? Sind das nicht immer die Guten, selbst wenn sie einmal versehentlich auf Zivilisten geschossen haben sollten? Gegenwärtige Beispiele gibt es fast so viele wie geschichtliche:
Wie war das in der deutschen Geschichte? Hat wirklich niemand von den KZs gewusst? Hat wirklich niemand miterlebt, wie seine jüdischen Nachbarn abtransportiert wurden? Hat wirklich keine einzige Familie irgendeinen Soldaten gestellt, der irgendetwas mitbekommen hat?

Und wie ist es z.B. mit heutigen Türken? Hat immer noch kein Türke mitbekommen, wie diverse osmanische Sultane bei Machtergreifung ihre Brüder und deren Kinder umgebracht haben, um den Thron zu sichern? Warum geht man dennoch heute zu deren Schreine und betet für sie, da sie doch übelste Verbrecher waren?

Solche Beispiele kann man für jedes Volk, für jedes Land für jede Menschengruppe, für jede Spaltung und Teilung, ob im Großen oder Kleinen, ob im Wichtigen oder Unwichtigen finden. Wer plädiert schon für eine Rote Karte für den Fußballspieler seiner eigenen Mannschaft, selbst wenn das Foul klar Rotwürdig wäre?

Ob Deutsche oder Türken, ob Juden, Christen oder Muslime, fast alle sind gefangen von dem “Ihr und Wir“. Wären die Rollen heute vertauscht, wären Juden im Gaza-Streifen und Muslime die Angreifer, könnten wir dann sicher sein, dass die Muslime in Deutschland ihre eigenen Glaubensbrüder verurteilen würden? Fasst alle würden sich in die tiefsten Kerker der Gefangenschaft einer Unmenschlichkeit begeben, weil sie sich von dem Gefängnis des Mitgefangenseins nicht befreien können. Schließlich glauben sie dem “Anderen“ ja nicht!

Obige Beschreibung gilt aber eben nur für “fast“ alle und nicht für alle! In jeder Gruppe von Menschen gibt es immer wieder Freigeister, Menschen die sich von ihren eigenen Fesseln gelöst haben und ihre Menschlichkeit bewahrt haben, die nicht mitmachen und sich gegen das Unrecht stellen, unabhängig davon, von wem es ausgeht! Aber wie ist solch eine Befreiung möglich?

Nehmen wir einmal die obigen Beispiele, die nichts mit dem heutigen Israel zu tun haben. Wenn Muslime zur Zeit mancher osmanischer Sultane wirklich erkennen wollten, dass sie von Verbrechern beherrscht wurden, dann konnten sie das weder in den Kriegen, noch in den Nachrichten erkennen. Aber es gab dennoch objektive Maßstäbe, um das zu erkennen, die auch sie nicht hätten übersehen dürfen! Dazu zählen der Palast und der Lebensstil des Sultans, die Ermordung seiner Brüder (selbst wenn es erst später bekannt wurde), die Erbmonarchie usw.. Es gab und gibt Maßstäbe, die unübersehbar sind, wenn man sich seine Menschlichkeit bewahrt hat.

Deutsche in Zweiten Weltkrieg hätten für die Selbstrechtfertigung immer hinreichend Argumente für die Angriffskriege finden können. Auch hätte es hinreichend beschwichtigende Argumente für das “Verschwinden“ der benachbarten Zigeuner geben können, es musste ja nicht unmenschlich sein, so zumindest der verständliche Selbstbetrug. Aber die Nürnberger Rassengesetze waren schwarz auf weiß für jeden Deutschen sichtbar und erkennbar! Und sie waren unmenschlich, da führte kein Weg dran vorbei! Wer dennoch schwieg trägt in einem gewissen Maß Mitschuld.

Wie aber ist es heute mit Israel und den Juden weltweit, die Israel unterstützen? Zunächst einmal muss festgestellt werden, dass es sehr viele namhafte und aktive Juden gibt, die Israel nicht unterstützen und alles in ihrer Macht stehende tun, um darzulegen, dass sie für ein friedliches Miteinander sind. Allein schon wegen dieser Juden, seien sie noch so wenig, wäre jegliche Verallgemeinerung unrecht und unmenschlich.

Aber wie ist es mit den “Pro-Israelis“? Wie ist es mit den jüdischen Verbänden, die sich selbst heute mit Israel solidarisieren? Sind es alles Unmenschen, weil sie Verbrechen solchen Ausmaßes unterstützten? Erneut muss daran erinnert werden, dass sie aus ihrer Sicht es eben nicht tun! Ihre Nachrichtenlage, ihre Wahrnehmung ist bezüglich der aktuellen Eskalation eine völlig andere, als die Mehrheit der Menschheit. Ausgehen von ihrer Wahrnehmung verteidigt sich Israel. Aber gibt es wirklich keine objektiven Maßstäbe, dass ein Israeli oder ein Jude in Deutschland heute erkennen könnte, welch Unrecht von Israel ausgeht?

Würde man den Blick auf den aktuellen Konflikt konzentrieren, gibt es jene Maßstäbe nur wenig. Die Opferzahlen sind zwar eindeutig, aber das beeindruckt offenbar nicht. Daher muss man seinen Blick etwas ausdehnen. Welches ist denn der einzige Staat auf Erden, der über keine Verfassung verfügt, in der nachlesbar wäre, wer Staatsbürger ist und wer nicht? Welcher Staat hat bis heute nicht festgelegt, wie es sich seine Staatsgrenzen vorstellt? Welche Regierung hat einen Außenminister, der offen davon spricht 20% der eigenen Staatsbürger zu deportieren?  Welches Staatswesen ist auf einer religiös-rassistisch gemischten Herkunftsideologie aufgebaut, deren Identitätsfrage selbst Insider nicht verstehen?  Welches Land ist das Land mit den meisten eigenen Staatsbürgern, die das Land verlassen müssen, um heiraten zu können? In welchem Land wird zugelassen, dass das Grab eines Menschen, der in eine Moschee, Kirche oder Synagoge mit einem Maschinengewehr eingedrungen ist, um unbewaffnete Betende massenhaft zu ermorden, als Pilgerstätte genutzt werden darf?

Es gibt durchaus hinreichend Ansatzpunkte, auch für in Deutschland lebende Juden, zu erkennen, dass sie sich im Rahmen der eigenen “Wir und Ihr“ Denkweise dieses Mal auf die Seite der Unmenschlichkeit begeben haben.

Wie aber wird es morgen sein? Israel ist am Ende! Daran hegen weitsichtige Menschen keinen Zweifel mehr. Viele der heute lebenden Menschen werden miterleben, wie das Israel in seiner heutigen Form aufgelöst wird (wie auch immer). Nur was kommt danach? Wird sichergestellt werden, dass Juden im Heiligen Land nicht unmenschlich behandelt werden? Wer hält die hasserfüllten Palästinenser zurück, wenn sie sich an allen Juden rächen wollen für ein halbes Jahrhundert Unterdrückung?

Jetzt werden wiederum Muslime erzürnt reagieren und behaupten: „So etwas tun Muslime doch nicht!“ Und schon wieder ist man in dem Gefängnis gelandet, in dem auch alle anderen stecken!

Wie wäre es mit einer Antwort: „Ich schütze Juden, wenn es sein muss!“  Wie wäre es mit einer Antwort: „Ich schütze jeden Menschen, unabhängig davon, welcher Religion er angehört, mit all meinem Sein, meinem Wesen, meinen Gedanken, meinen Bittgebeten und meinen Taten, denn er ist ein Mensch!„

Menschlichkeit beginnt bei jedem von uns in seinem eigenen Selbst. Wenn wir eine schubladenorientierte Unmenschlichkeit bei anderen sehen, dann müssen wir vor allem uns selbst weiter erziehen und unser eigenes Schubladendenken überwinden, um uns selbst aus diesem teuflischen Gefängnis zu befreien. Und wenn wir nur einen Menschen befreien, ist es so, als wenn wir die ganze Menschheit befreit haben. Erst wenn der Mensch erkannt hat, dass wir alle ein Stück Adam bzw. Eva in uns tragen; erst wenn der Mensch erkennt, dass der andere Mensch sein Bruder ist, wird er möglicherweise darüber nachdenken, was es bedeutet innerhalb von nur 10 Tagen fast 1000 seiner Brüder und Schwester zu töten, völlig unabhängig davon, welche Rechtfertigung er sich selbst zusammenbastelt. So lange er aber die Einheit der Menschheit und Menschlichkeit nicht erkennt, so lange er im polytheistischen Wahn Menschen in verschiedene Herkunftsgruppen gegeneinander stellt, so lange hat er die Menschlichkeit in sich selbst noch nicht entwickelt.

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