Vor sechs Wochen: Ein kleines Kaukasus-Land wird von seinem großen Nachbarn Georgien überfallen – doch der Täter behauptet, er sei das Opfer. Was bleibt sind Trauer, Wut und Hoffnung

Sechs Wochen sind inzwischen seit dem georgischen Überfall auf Südossetien vergangen. Westliche Regierungen und Mainstreammedien haben es geschafft, das tatsächliche Geschehen auf den Kopf zu stellen und den Aggressor zum Opfer zu machen. Soweit überhaupt Kritik am Vorgehen des georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili geübt wird, der die gewaltsame »Rückeroberung von Südossetien und Abchasien« schon bei seiner Amtseinführung im Januar 2004 angekündigt hatte, ist von »Fehlkalkulationen« die Rede.

Tatsächlich war aber der Überfall schon an sich nach völkerrechtlichen Maßstäben ein Verbrechen, und er war es erst recht durch die Art seiner Durchführung. Nach vorläufigen südossetischen Angaben (Stand: 9. September), die noch präzisiert werden, wurden 1492 Menschen getötet, darunter ganze Familien mit Kindern, auch Babys und schwangere Frauen. Die Zahl der Opfer wäre wahrscheinlich noch erheblich höher, wenn die südossetischen Behörden nicht in den Tagen vor dem Angriff, als sich die Anzeichen für eine unmittelbar bevorstehende georgische Offensive verdichteten, Hunderte Frauen und Kinder auf russisches Gebiet evakuiert hätte.

Georgien begann seinen Angriff kurz vor Mitternacht am 7. August mit einem mehrstündigen Trommelfeuer auf Tschinwali. Zum Einsatz kamen dabei schwere Artillerie und Raketenwerfer, die in den Vortagen auf den Hügeln rund um die Hauptstadt in Stellung gebracht worden waren. Außerdem warfen Kampfflugzeuge Bomben auf Tschinwali. Zahlreiche Gebäude im Stadtzentrum, aber auch Wohnviertel und die Infrastruktur, wie etwa die Wasser- und Stromversorgung, wurden zerstört. Selbst das Krankenhaus, in das Hunderte Verletzte gebracht worden waren, wurde angegriffen. Viele Familien mußten bis zu drei Tage lang in feuchten, kalten Kellern ohne Essen und Wasser ausharren. Wer sich auf die Straße begab, um Nahrungsmittel oder Decken zu besorgen, riskierte, von georgischen Soldaten erschossen zu werden.

Am 8. August, bevor die russischen Hilfstruppen Tschinwali erreichten, durchkämmten georgische Spezialeinheiten systematisch die Wohnviertel der Stadt. Augenzeugen berichten, daß Handgranaten in Keller und Ruinen geworfen wurden, um die dort versteckten Menschen zu töten. Aus Panzern und Militärfahrzeugen wurde auf die Häuser geschossen. Die Georgier nahmen sogar Rettungswagen, mit denen Verwundete evakuiert wurden, unter Feuer. Gleichzeitig wurden in dieser Phase des Überfalls die von Südosseten bewohnten Dörfer in der Umgebung von Tschinwali systematisch zerstört, die Bewohner vertrieben, Häuser in Brand gesetzt, das Vieh getötet.

Jetzt, sechs Wochen später, sind die meisten Flüchtlinge wieder zurückgekehrt. Mit umfangreicher finanzieller und materieller Hilfe aus Rußland hat der Wiederaufbau der Hauptstadt und des Landes begonnen. Bis er vollendet ist, wird es noch Monate dauern, und die Erinnerung an die Schreckenstage wird nie vergehen.

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