“Sie kamen um vier Uhr morgens mit zwei Bulldozern und vor acht Uhr waren sie wieder verschwunden. Ich besitze diese Hühnerfarm mit meinen drei Brüdern und wir arbeiteten Tag und Nacht, 18 Jahre lang, um unser Geschäft aufzubauen. Die Israelis haben alles in weniger als vier Stunden zerstört.“

Nasser Jabers Hühnerfarm wurde vor zehn Tagen von der israelischen Besatzungsarmee zerstört – in den frühen Morgenstunden des 16. Mai, während er in seinem Zuhause in Rafah schlief. Er sieht immer noch wie betäubt aus. Resigniert führt er uns durch die Ruinen seinen 18 Jahre alten Unternehmens. „Das war ein Lebensprojekt für mich und meine Brüder“, sagt er, als wir über Schutt, Kabel, verstreute Metallplatten und tausende verweste Hühner klettern. „Ich war nie Mitglied irgendeiner politischen Gruppe und ich war nie im Gefängnis. Ich weiß, nicht warum sie das getan haben.“ Die Arbeiter, die damit begonnen haben einen Teil des Schuttes wegzuräumen, tragen alle Masken. 40.000 tote Hühner liegen zerquetscht inmitten der Trümmerteile und der Gestank ist widerlich.

Als seine Arbeiter Alarm schlugen, dass die Hühnerfarm abgerissen wird, eilte Nasser Jaber nicht schnell zu Farm, sondern blieb zu Hause und wartete, bis die Israelis verschwunden waren. „Es wäre viel zu gefährlich gewesen zur Farm zu kommen, während sie dabei waren alles zu zerstören,“ sagt er. „Dies ist nicht das erste Mal, dass die Israelis hier waren. Die Grenze ist nur zweieinhalb Kilometer entfernt und sie dringen jeden Monat in diese Gegend ein. Sie hatten bereits eine unserer Mauern zerstört und dann die Wassertanks. Aber Nichts wie das.“ Ein Teil der Hühnerfarm, ein großer Stall mit 9.000 Hühner wurde übrig gelassen. Trotzdem, sagt Nasser Jaber, seien die Tiere traumatisiert und legen nur wenige Eier. Die Farm produzierte einst 45.000 Eier pro Tag – heute sind es nur noch 2.000 und Nasser Jaber befürchtet, dass die Israelis zurückkommen werden, um auch noch den Rest der Farm zu beseitigen. Er schätzt, dass er und seine Brüder schon mehr als eine Million Dollar verloren haben. „Ich bin ein friedlicher Bauer“, sagt er. „Aber sie zerstören unsere Wohnungen, unser Land – alles.“

Abdul Halim Abu Samra, Vorsitzender der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des Palästinensischen Zentrums für Menschenrechte (PCHR) in Khan Younis sagt, dass die israelische Armee systematisch Farmland im Gazastreifen, insbesondere in der Grenzregion zerstört. „Wir haben gutes fruchtbares Land in Gaza, aber palästinensische Bauern wurden von ihrem Land in diesen Grenzgebieten durch Einschüchterungen und Angriffen wie diesen vertrieben. Das Land liegt nun schon ein Kilometer vor der östlichen Grenze brach, da es für die Menschen zu gefährlich ist dort zu leben und zu arbeiten.

Als wir in Richtung des nordöstlichen Grenzübergangs Sufa fahren, sehen wir nur sehr wenige Menschen, nur gelegentlich einen älteren Mann, der seinen Esel und Karren anführt. Diese ländlichen Grenzgebiete im Osten des Gazastreifens werden immer leerer, da Bauern, die hier oft schon seit Generationen arbeiten, Angst haben auf ihrem eigenen Land zu leben und zu arbeiten. Die engen Grenzen des Gazastreifens, welcher nur 40 Kilometer lang und zehn Kilometer breit ist, werden durch die unerbittlichen israelischen Operationen noch enger.

Die vorsätzliche Zerstörung zivilen Eigentums verstößt gegen internationale Menschenrechte und gegen humanitäres Recht, darunter die Vierte Genfer Konvention (Art. 33 und 53). Seit Beginn der zweiten Intifada im September 2000, dokumentierte das PCHR die vorsätzlich Zerstörung von mehr als 40.000 Dunam (1 Dunam = 1.000 m2) Agrarlandes im Gazastreifen. Allein in diesem Jahr wurden 3.000 Dunam Agrarlandes um Rafah und Khan Younis von der israelischen Armee zerstört (500 Dunam in den letzten sieben Tagen). Kleine Gemüsegärten und Farmen in Familienbesitz wurden zerstört und trugen zum verheerenden wirtschaftlichen Niedergang des Gazastreifens bei.

15 Kilometer von den Überbleibseln von Nasser Jabers Hühnerfarm entfernt, steht Mohammad Abu Daggah inmitten der Ruinen seiner Zementfabrik, welche vier Kilometer vom Grenzübergang Sufa entfernt liegt und vor drei Tagen am 24. Mai von der israelischen Armee zerstört wurde. „Ich begann mit diesem Unternehmen im Januar 2007“, sagt er. „Meine Familie investierte alles in diese Fabrik. Wir schafften es gute Anlagen unter Lizenz zu importieren und wir hatten eine Menge Arbeit durch lokale Kunden und die Vereinten Nationen hier in Gaza. Aber die Israelis kamen mit drei Bulldozern und rissen alles ab.“ 40 Männer waren in Abu Daggahs Fabrik beschäftigt, nun sind sie arbeitslos. Wie Nasser Jaber weiß auch Abi Daggah nicht, warum sein Unternehmen ausgesucht wurde. „Ich hatte niemals irgendwelche Problem und ich wurde noch nie verhaftet. Sie hatten absolut keinen Grund dies zu tun. Aber nun haben wir Nichts, außer hohen Schulden, die wir nicht bezahlen können.“

Der Bericht ist erschienen in der Reihe “Narratives under Siege” des Palästinensischen Zetrums für Menschenrechte (PCHR). Der vollständige Bericht ist hier als englischsprachiges PDF erhältlich.

 

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