Gaza: Die katastrophalen Folgen der israelischen Blockade für Säuglinge, Schwangere und Ungeborene. Die Armutsquote liegt bei 67 Prozent

Die Blockadepolitik der israelischen Regierung gegen den Gazastreifen, die der Bevölkerung den Zugang zu Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten immer schwerer macht, trifft auch schon Ungeborene und neugeborene Säuglinge. »Viele Kinder kommen bereits mit einer Anämie auf die Welt«, sagt Dr. Salah Al-Rantisi, Leiter der Abteilung für Frauengesundheit im pälästinensischen Gesundheitsministerium von Gaza. Die Frauen litten unter Anämie, da sie sich während der Schwangerschaft nicht ausreichend ernähren könnten. Verantwortlich dafür sei die israelische Blockade. Dr. Al-Rantisi leitet auch die Frauenklinik des Nasser-Hospitals, in der täglich 30 bis 40 Kinder geboren werden, von denen die meisten Symptome von Anämien aufwiesen.

Anwaar Abu Daqqa hat drei Kinder durch Frühgeburten verloren. »Die Föten waren infolge der Unterernährung von Frau Abu Daqqa mißgebildet. Außerdem fehlte es an notwendigen Medikamenten«, erklärt Dr. Al-Rantisi. Bei der dritten Fehlgeburt habe die Patientin das Hospital zu spät erreicht, da kein Krankenwagen zur Verfügung stand. »Frühgeborene mit lebensgefährlichem Untergewicht gehören zum Alltag der Hospitäler von Gaza«, fügt der Frauenarzt hinzu.

Die Bevölkerung des Gazastreifens ist ärmer und deshalb stärker von diesen Problemen betroffen als die der West Bank. Aber auch von dort wird über Frauen berichtet, die ihre Kinder an den Grenzübergängen zur Welt bringen, weil sie von den israelischen Posten an der Weiterreise gehindert werden.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums werden im Gazastreifen pro Monat neun- bis zehntausend Kinder geboren. Auf tausend Geburten kommen 28 Totgeburten wegen Unterernährung, Anämie oder anderer Ursachen, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der Armut stehen. Das Ministerium hat keine Zahlen darüber, wie viele der Neugeborenen insgesamt unterernährt sind. »Es gibt viele schwangere Frauen, die dringend Medikamente benötigten, die es aber in Gaza nicht gibt«, sagt Dr. Al-Rantisi. Und selbst wenn sie besorgt werden könnten, sei es den Familien meist nicht möglich, sie zu bezahlen.

Die Weltbank gab im Monat April 2008 die Armutsquote für Gaza mit 67 Prozent an, das Wirtschaftswachstum 2007 mit null. Eine Folge der grassierenden Armut sind die Anämieerkrankungen. Sie sind eine direkte Konsequenz aus der Mangel­ernährung und keine neue Erscheinung in Gaza. Nach einem Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (UNRWA) des Jahres 2002 litten damals 19 Prozent der Bevölkerung von Gaza an Anämien. Heute liegt die Zahl der Erkrankten laut UNRWA bei 77,5 Prozent. Im Durchschnitt erhalten die Kinder in Gaza nur 61 Prozent ihrer täglich benötigten Kalorienration aus den UN-Hilfsprogrammen.

Niemand kann sagen, wie viele der Kinder, die im Al-Shifa-Hospital, dem größten Krankenhaus von Gaza, geboren werden, auch heranwachsen.

Die 29jährige Tahani Safi sieht mit großer Sorge der für den nächsten Tag angesetzten Kaiserschnitt-Operation entgegen. Sie leidet an Unterernährung, Bluthochdruck, Diabetes und einem Mangel an Fruchtwasser, das ihr ungeborenes Kind eigentlich schützend umgeben soll. Vielen Schwangeren geht es ähnlich, und diese Fälle sind in allen Krankenhäusern Gazas zu finden. Nach Angaben der behandelnden Ärzte steigt ihre Zahl jetzt ständig an, weil die Lebensmittelverteilung und die medizinische Versorgung zusammenbrechen. Die Gesundheitsbehörden warnen davor, daß Leben und Gesundheit unzähliger Ungeborener im ganzen Gazastreifen bedroht sind. 146 Menschen seien bereits in unmittelbarer Folge der jüngsten israelischen Blockade gestorben.

Quelle: http://www.jungewelt.de/