Im Irak sind harte Vorwürfe laut geworden: Britische Soldaten sollen Einheimische gefoltert und missbraucht haben – und sich dabei an den amerikanischen Gräueltaten in Abu Ghraib orientiert haben.
Seiner ist einer der vielen neu aufgekommenen Fälle: Nassir Ghulaim hat im April 2007 mit Freunden Fussball gespielt. Da sollen Jeeps mit britischen Soldaten herangefahren sein. Die Männer hätten ihnen befohlen einzusteigen. Dann seien sie mit verbundenen Augen auf die Militärbasis gebracht worden, so Ghulaim. Als er angekommen sei, erzählt der junge Mann gemäss einem exklusiven Bericht der britischen Zeitung «The Independent», seien acht Soldaten um ihn und seinen Kollegen herum gestanden.
«Sie verlangten, dass wir gegeneinander kämpfen», so Ghulaim in «The Independent». Als er sich geweigert habe, sei er in den Rücken getreten worden und umgefallen. «Ein Soldat begann mich mit einem Knüppel auf die Knie zu schlagen. Dann verwendeten sie einem Elektroknüppel an verschiedenen Körperstellen». Nach drei Tagen sei er ohne Anklage freigelassen worden. Es sei dabei gelacht und Fotos geschossen worden. Für Ghulaim ist klar: Für seinen Fall haben die Missbräuche der Amerikaner im irakischen Gefängnis Abu Ghraib Pate gestanden.
Hundeattacken und Pornographie
Neben Ghulaim sind es 32 weitere neue Fälle von Missbrauch durch britische Soldaten, welche das Verteidigungsministerium in London nun mit einer Voruntersuchung genauer prüft. Es soll dabei unter anderem zu forcierten Hundeattacken, vorgetäuschten Exekutionen oder auch zur Folter mit Pornographie gekommen sein. In einem Fall sollen gemäss «The Independent» Gefangene zu einem menschlichen Haufen aufgetürmt worden sein – es ist nicht der einzige Fall, der stark an die Missbräuche erinnert, den amerikanische Soldaten im irakischen Gefängnis Abu Ghraib begangen haben. Opfer Ghulaim berichtet etwa davon, dass die Soldaten einen anderen Iraki gezwungen hätten, sich nackt auszuziehen. Dann hätten sie mit dem Penis des jungen Mannes zu spielen begonnen.
Die Fälle kommen gemäss «The Independent» jetzt ans Tageslicht, weil die britische Armee sich aus dem Irak zurückgezogen hat. «Viel Iraker hatten bisher Angst, ihre Erlebnisse öffentlich zu machen. Erst jetzt haben sie den Mut gefasst», erklärte Phil Shiner, der Anwalt der missbrauchten Irakis der Zeitung. Man wisse aus amerikanischen Unterlagen, dass sexuelle Erniedrigung von höchster Stelle als Foltermethode toleriert gewesen sei. Ihn beunruhigt nun, dass es danach aussehe, dass sich die Briten und Amerikaner auch diesbezüglich ausgetauscht hätten.
Das Ministerium untersucht
Ein irakischer Teenager, der seinen Namen nicht nennen will, ist ein weitere Zeuge Shiners. Im Mai 2003 will er von britischen Soldaten in die Basis Shatt-al-Arab gebracht worden sein – unter dem Vorwand beim Füllen von Sandsäcken zu helfen. Ihm sei dort befohlen worden, in einem Raum zu gehen. Dort hätten zwei Soldaten gerade Oralsex gehabt. Als sie ihn gesehen hätten, sei er sofort getreten und geschlagen worden. Dann habe man ihm eine Klinge an den Hals gehalten und ihn ausgezogen. Obwohl er geschrieben habe, hätten die beiden Männer ihn danach vergewaltigt.
Ein Sprecher des britischen Vertiedigungsministeriums weist in «The Independent» darauf hin, dass über 120′000 Briten im Irak im Einsatz gestanden und dabei hohe ethische Standards eingehalten hätten. Es gebe leider auch immer einzelne schwarze Schafe. «Die neuen Vorwürfe werden sehr ernst genommen, dürfen aber nicht als Fakt betrachtet werden. Zuerst müssen die Untersuchungen abgeschlossen werden, bevor vorschnelle Urteile gefällt werden», erklärte er weiter.



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