»Experten« fordern Lohnverzicht

Eines ist sicher: Nach der Bundestagswahl im September geht es zur Sache. Dann werden Unternehmer und Politiker – unabhängig von der Regierungskoalition – alles daransetzen, die Kosten der kapitalistischen Krise den Beschäftigten und Erwerbslosen aufzubürden. Bis dahin verbringt die Elite ihre Zeit mit Politclownerie à la Frank-Walter Steinmeier, der sich nicht entblödet, für das Jahr 2020 Vollbeschäftigung zu verkünden. Hin und wieder läßt man allerdings einen Testballon steigen, der andeutet, wohin die Reise gehen soll, nachdem sich der Volkssouverän wieder schlafengelegt hat. So gedeutet ist die am Montag via Bild verbreitete Forderung diverser »Experten« nach Lohnkürzungen durchaus ernst zu nehmen.

»Lohnverzicht sichert in Krisenzeiten ganz klar Arbeitsplätze und schützt vor Entlassungen«, behauptet Hagen Lesch vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW), das von den Unternehmerverbänden finanziert wird. Hilmar Schneider, Vertreter des von der Post AG gegründeten Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), sekundiert: »Um Jobs zu retten, machen Lohnkürzungen Sinn. Es wäre geradezu fahrlässig von Unternehmen, in einer Schieflage diesbezüglich nicht zu reagieren.«

Es ist schon erstaunlich, wie schnell sich diese neoliberalen »Ökonomen«, die einen Großteil Verantwortung für das aktuelle Desaster in der Weltwirtschaft tragen, wieder an die Öffentlichkeit wagen. Schließlich war es unter anderem die fehlende Massennachfrage, deren Stimula­tion all die Finanztricks dienten, die letztlich zum Auslöser der Krise wurden. Und wer jetzt wieder nach Lohnkürzungen ruft, gleicht dem Feuerwehrmann, in dessen Schläuchen Öl statt Wasser fließt.

Die historische Parallele hierzu zeigte der »Wirtschaftsweise« Peter Bofinger in der Passauer Neuen Presse vom Montag auf: die 1930er Jahre, als die Löhne für Facharbeiter um 20 Prozent sanken. »Das Ergebnis dieser Politik ist bekannt. Deutschland in den 30er Jahren ist ein eindrucksvolles Beispiel, wie man es nicht machen sollte«, so Bofinger.

In die gleiche Richtung wie IW und IZA – aber in ihrer Absurdität noch offensichtlicher – gehen die Forderungen von Mittelstandsvereinigungen nach Arbeitszeitverlängerung und Urlaubskürzung. In einer Situation, in der Hunderttausende Jobs nur durch Kurzarbeit erhalten bleiben, ist nur allzu klar, daß die Verlängerung der Arbeitszeiten Stellen kostet. Sinnvoll ist das genaue Gegenteil: Eine drastische Arbeitszeitverkürzung – und zwar bei vollem Lohnausgleich, damit Kaufkraft und Lebensstandard erhalten bleiben.

Doch es geht in dieser Debatte nicht allein um gute Argumente. Es geht auch nicht um die Überwindung der Krise, sondern darum, deren Folgen auf die Beschäftigten abzuwälzen, um die Profite zu erhalten. Deshalb sollten sich die Gewerkschaften darauf vorbereiten, dem nicht nur argumentativ, sondern vor allem durch Mobilisierungen in den Betrieben und auf der Straße zu begegnen.