Nachtrag zum Vortrag über die Hamas-Raketen und das israelische Massaker in Gaza 2008/2009 

Nach dem Vortrag über die Hamas-Raketen und das israelische Massaker in Gaza 2008/2009 stellte ein Teilnehmer die interessante Frage, 

warum denn die Hamas vor Beginn der Waffenruhe Raketen und Granaten auf israelisches Kernland gefeuert habe und seit dem israelischen Bruch der Waffenruhe wieder feuere. Der militärische Gewinn aus dem Beschuß sei gering, und die Hamas wisse, wie furchtbar die israelischen Verteidigungsstreitkräfte in aller Regel zurückschlagen.

Ich versuchte in meiner Antwort deutlich zu machen: 

Widerstandshandlungen können auch dann sinnvoll sein, wenn sie militärisch kaum wirken. Die Gazabevölkerung, belagert, gedemütigt und gequält; schließlich mit DIME-Bomben, Splitterbomben und weißem Phosphor beworfen; diese schwer mißhandelten Menschen würden ohne deutliche Zeichen des Widerstands zusätzlich leiden. Mörsergranaten und Kassam-Raketen sind offenbar die schwersten Waffen, über die die Hamas verfügt. Sie setzt diese Waffen ein, damit ihre Kämpfer und die Gazabewohner nicht zerbrechen.

Der Diskussionsteilnehmer bezeichnete daraufhin das Verhalten der Hamas als irrational. 

Indes: 

Die Dimension rational – irrational kann sich nur auf Mittel zu einem Zweck beziehen, nicht auf den Zweck selbst. Der vermutete Zweck des Hamas-Verhaltens – die Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls der Kämpfer und Gazabewohner – mag nachvollziehbar sein oder nicht nachvollziehbar; ehrenwert oder verwerflich. Er ist aber weder als rational, noch als irrational zu bezeichnen. Das Hamas-Verhalten dagegen, also der Abschuß militärisch nahezu untauglicher Geschosse, kann durchaus dem Zweck der Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls der Kämpfer und Gazabewohner dienen; dann ist er rational – in Hinblick auf den Zweck.

Dazu einen Schlenker: Profit machen als Zweck ist weder rational, noch irrational; freilich mag dieser Zweck nachvollziehbar oder auch nicht nachvollziehbar sein, ehrenwert oder verwerflich erscheinen. Die Ausbeutung von Arbeitern zum Zweck der privaten Profiterzielung dagegen ist rational; und entsprechend widerspricht diesem Zweck die Verdoppelung der Löhne ohne Anlaß – sie ist irrational in Hinblick auf den Zweck.

Ich denke, wer die Zwecke anderer Menschen als irrational bezeichnet, will diese Menschen für verrückt erklären. Verrückt ist aber nur der, der Mittel einsetzt, die für den angestebten Zweck untauglich sind. Die Hamas ist nicht verrückt, sondern handelt womöglich vollkommen rational, ganz unabhängig davon, was man von ihren Zwecken halten mag.

Umgangssprachlich wird auch jemand als verrückt bezeichnet, der einen unerreichbar anmutenden Zweck verfolgt – eben weil geeignete Mittel zu seiner Erreichung zu fehlen scheinen. Franz Josef Strauß wirkte nicht deshalb verrückt, weil er bundesrepublikanische Atomwaffen wollte. Sondern weil ihm offenbar die Mittel zur Erreichung dieses Zwecks fehlten.

Aber das führt jetzt wirklich weg vom Thema.

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