Eingeknickt steht die Frau am Rednerpult. In einem rein-weißen Anzug lamentiert sie den Umständen entsprechend. Rein-weiß, die Farbe der Jungfräulichkeit, die Farbe der Unschuld. So versucht sie der Zuhörerschaft eindrücklich klar zu machen, dass Menschen nunmal gestorben sind.
“Den Umständen entsprechend”, so Tzipi Livni, Außenministerin Israels. Das meint soviel wie “Kollateralschaden”. Daas dieses Wort tunlichst vermieden wird, ändert nichts an der Masse der Toten, auch nicht an der Tatsache, dass mehr als 400 Kinder unter ihnen sind. Insgesamt meldet das ‘Palestinian center for human rights’ am vergangenen Samstag 1099 tote Zivilisten von offiziell gemeldeten 1194 Leichen.
Die letzten 3 Wochen waren ein erschreckendes, einziges Blutbad. 10.000e Menschen waren Tag und Nacht auf der Flucht. Von einem Haus ins nächste, immer mit der Angst des Todes im Nacken. Literweise flossen Tränen, gellende Schreie drangen durch die Straßen. Tag für Tag, Nacht für Nacht – 3 Wochen lang. Jetzt ist der Gaza-Streifen ein einziges Trümmerfeld.
Und Frau Außenministerin Livni hat nichts mehr zu erklären, als dass dies alles nur den Umständen eines Krieges entspricht.
Sie hat Recht, ja. Aber es ist nur eine Ausrede. Ein Relativieren. Ein Versuch, die Verantwortung von sich zu schieben.
Jede kriegführende Nation weiß, dass ein Krieg Opfer fordert. Alle Kriegführerenden wissen, dass sie Zivilisten treffen könnten.
Gerade im Gaza-Streifen – einem Gebiet, aus dem niemand entkommen kann, in dem 1,5 Millionen dicht an dicht zusammengepfercht sind – kann man sich jedoch sicher sein, mehr Zivilisten zu treffen als anderswo. In Anbetracht dieser Tatsache, ist es mehr als lächerlich, wenn Frau Livni sich hinstellt und von Kollateralschaden spricht. Sie wussten es, bevor sie den Angriff auf 1,5 Millionen Menschen starteten. Sie haben die hohe Zahl an Zivilisten bereitwillig in Kauf genommen.
Jede Relativierung ist ein maßloser Versuch, sein Gewissen erleichtern zu wollen. Es ist unehrenhaft, ja gar verlogen.
Letzteres sind wir aber bereits gewohnt. Wollte man uns doch weismachen, die Hamas hätte die Waffenruhe gebrochen …
Dumm nur, dass ein Regierungssprecher Israels einräumte, dass dem nicht so sei. Dass diese Raketen am 4. November von anderen stammten. Dennoch erzählte man uns, es sei die Hamas gewesen, um einen Angriff auf den Gaza-Streifen zu legitimieren. Auch erzählten sie uns, das israelische Militär würde keine Waffen benützen, die Menschen verbrennen lassen – das Gegenteil wurde mehrfach bestätigt. Wenige Tage später wichen sie aus und dementierten ihre eigene Aussage mit den ähnlichen Worten: “Wir benützen sie nur, um Rauch zu erzeugen, damit unsere Soldaten ungesehen in die Gebiete vorrücken können.”
Verschiedene Aussagen ihrerseits lauteten “Wir haben auf das Haus [von Zivilbürgern] geschossen, weil aus ihm heraus unsere Soldaten beschossen wurden” – in mehreren Fällen, zuletzt dem eines Arztes, haben sie erneut erklären müssen, dass dies ein Irrtum – ein Fehler – gewesen sei. Derartige Fehler wurden begangen, zu viele.
Der ganze Angriff selbst war ein einziger Fehler. Aber das kann und will man ja nicht eingestehen, deshalb muss man sich hinstellen und auf unschuldig machen. Aber auch das ist nichts wirklich Neues. Das versucht jeder Kriegführende. Fatal daran ist nur, dass sie wohlwollend in Kauf nimmt, die gesamte Bevölkerung Israels damit zu belasten. Mehren sich doch bereits Vorwürfe und Anfeindungen gegenüber den tatsächlichen Juden. Denjenigen unter ihrem zu leitenden Volk, die gegen ihren Angriff auf den Gaza-Streifen und gegen ihre ständigen Attacken gegen die arabische Bevölkerung waren und sind. Man schert sie bereits mit der Politik über einen Kamm und die Politiker lassen es zu, durch ihr Verhalten. Angesichts der immer wieder benützten radikalen und fanatischen Politik kommt einem die Vermutung nahe, als sei genau dies Zweck aller Aktionen. Das Schüren von Hass gegen die eigene Bevölkerung, damit man weitere Übergriffe auf Palästinenser erklären kann.
Genauso versteht es sich auch, dass nun das israelische Einwanderungsministerium zum Bloggerkrieg aufruft um positive Propaganda en masse ins Internet zu streuen. Sie haben gemerkt, dass der Krieg im 21. Jahrhundert besser im Internet zu führen ist, als auf dem Rednerpult. Es ist jedoch nichts anderes als der klägliche Versuch, die Wahrheit zu übertünchen.
Auch der rosa-rote Anstrich wird die Tatsachen nicht verbergen können. Schliesslich haben ihre eigenen Leute dafür bereits gesorgt, und genau dies wurde ebenfalls dokumentarisch, auf Millionen von Webseiten, festgehalten.
Strategisch gesehen ist diese Art der Propaganda ebenfalls falsch, denn weiter wird weltweit Hass geschürt durch den Fehler, selbige nicht zuzugeben oder relativieren zu wollen. Hat dies noch die vergangenen 60 Jahre einigermaßen funktioniert, so ist heute genau dieser Krieg verloren. Militärisch mögen sie auch weiterhin die wohl stärkste Macht im Mittleren Osten sein – politisch gesehen hat Israel jedoch seine Glaubwürdigkeit verloren.
Frau Livnis Rede für die israelische Nation ist zu werten wie ein “Na und …?”





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