Seit gut einer Woche feiert Israel seine Staatsgründung vor 60 Jahren. Am Mittwoch abend würdigte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) in einem Festakt in der Frankfurter Paulskirche die Besatzungsmacht als »die einzige funktionierende Demokratie« im Nahen Osten, gestern gratulierte US-Präsident George W. Bush mit einer Rede in der Knesset in Jerusalem. Weitgehend unbeachtet von den großen Medien zogen am Donnerstag im Westjordanland und im Gazastreifen Zehntausende Palästinenser durch die Straßen und gedachten der »Nakba«, ihrer nationalen Katastrophe. Sirenen heulten in Erinnerung an die Massenvertreibung vor sechs Jahrzehnten. Mehr als 700000 Palästinenser hatten 1948 aus ihrer Heimat fliehen müssen, Hunderte wurden seinerzeit ermordet. Über 500 palästinensische Ortschaften wurden im Rahmen der israelischen Staatsgründung entvölkert und zerstört, um eine Rückkehr der angestammten Bevölkerung unmöglich zu machen. Weite Teile ihres Landes wurden erobert und später von Israel annektiert.
Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas sagte in einer Fernsehansprache, man begehe den Nakba-Tag, um an den »langen Kampf« der Palästinenser zu erinnern. Nur ein Ende der israelischen Besatzung könne Sicherheit für die Region bringen. Abbas kritisierte die Ausweitung zionistischer Siedlungen im Westjordanland und merkte an, es gebe »zwei Völker, eines, das seine Unabhängigkeit feiert, und eines, das seine Nakba erleidet«. Der vom Westen gestützte Präsident ohne Staat versicherte gleichwohl: »Unsere Hand ist immer noch zum Friedensschluß ausgestreckt.« Im Stadtzentrum Ramallahs ließen Palästinenser 22000 schwarze Luftballons steigen – einen für jeden Tag seit der israelischen Staatsgründung. Der stille Protest sollte den Himmel über dem nahe gelegenen Jerusalem verdunkeln. Im Gazastreifen protestierten Anhänger der Hamas an den blockierten Grenzübergängen gegen die anhaltende Abriegelung des Autonomiegebiets. Nach Polizeiangaben wurden drei Jugendliche verletzt, als israelische Soldaten mit Schüssen und Tränengas gegen die Menge vorgingen. Agenturberichten zufolge waren die Besatzer zuvor mit Steinen beworfen worden.
Nachdem am Mittwoch abend eine Rakete in einem Einkaufszentrum im südisraelischen Aschkelon eingeschlagen war, forderten am Donnerstag mehrere Minister der israelischen Regierung eine großangelegte Militärinvasion im Gazastreifen.
Wie gleichgültig den hiesigen Medien die bis heute andauernde palästinensische Tragödie ist, mögen zwei »Flüchtigkeitsfehler« vom 15. Mai verdeutlichen. Das ARD-Nachrichtenportal reduzierte im Bericht über die Nakba-Proteste zunächst die Zahl der 1948 vertriebenen Palästinenser um den Faktor zehn auf 70000. Spiegel Online merkte zu den gestrigen Protesten in Palästina an: »Sie erinnern an jene 700000 Menschen, die 1958 ihre Heimat verlassen mußten.«
US-Präsident Bush schließlich ging auf die Lage der Besetzten und Vertriebenen gleich gar nicht ein. In seiner Rede im israelischen Parlament erwähnte er am Donnerstag die Palästinenser lediglich am Rande bei einer »Zukunftsvision« für die gesamte Region. In sechs Jahrzehnten werde Israel, so schwärmte Bush, »eine der größten Demokratien der Welt« sein, eine »sichere und florierende Heimat für das jüdische Volk«. Die Palästinenser hätten dann die Heimat, von der sie lange geträumt hätten. Von Kairo und Riad bis Bagdad und Beirut würden die Menschen dann »in freien und unabhängigen Gesellschaften« leben.
Quelle: http://www.jungewelt.de/


No comments
Kommentar-Feed für diesen Beitrag