Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten kann es sich absolut nicht leisten, ihren wichtigsten Gläubiger, nämlich China, gegen sich aufzubringen. Jetzt gibt es Hinweise darauf, dass Chinas staatliche Volksbank (»People’s Bank of China«) damit begonnen hat, ihren Bestand an US Dollars abzustoßen. Das könnte der Beginn eines neuen »China-Syndroms« sein; keine nukleare Kernschmelze wie in dem Hollywood-Film mit Jane Fonda aus den 1970er-Jahren, sondern eine Kernschmelze des US-Dollars, der Reservewährung der Welt.

Vor wenigen Tagen machte der Vizedirektor der chinesischen Zentralbank, Xui Jian, Andeutungen, die in den westlichen Medien weitgehend ignoriert wurden. Er nannte zwar keine Details, deutete aber an, dass Chinas Zentralbank plane, ihre Dollar-Devisenreserven in »stabilere« Währungen umzutauschen, wie z.B. den Euro und den kanadischen Dollar. Weitere Einzelheiten nannte er nicht. In einem weiteren Signal an die Devisenmärkte sagte Cheng Siwei, der stellvertretende Vorsitzende von Chinas Nationalen Volkskongress, gegenüber chinesischen Medien: »Wir ziehen stärkere Währungen schwächeren vor und werden uns dementsprechend anpassen.«

Selbst der malaysische Ringgit steigt

Die Talfahrt des Dollars setzt sich gegen die meisten wichtigen Währungen fort; vor allem der Euro und die norwegische Krone sind in den vergangenen Wochen kontinuierlich gestiegen. Bemerkenswerterweise fällt der Dollar sogar im Vergleich zu Währungen wie dem malaysischen Ringgit, der in der Asienkrise vor zehn Jahren zu den asiatischen Währungen gehörte, die am stärksten betroffen waren. Das ist ein Hinweis darauf, dass Investoren überall auf der Welt immer mehr zu der Einschätzung gelangen, dass die Investitionsaussichten in amerikanische Werte düster sind und sich in absehbarer Zeit auch nicht verbessern werden.

Die Erklärung der Bank von China hat aber auch eine verhängnisvolle politische Dimension. Nach Angaben führender chinesischer Finanzvertreter liegen auf den Konten der chinesischen Zentralbank gegenwärtig etwa 1,7 Billionen $ an Devisen. Der genaue Betrag wird wie ein Staatsgeheimnis gehütet, aber bisher wird davon ausgegangen, dass der größte Teil davon in Dollars, nämlich amerikanischen Schatzanleihen und Schatzanweisungen, investiert wurde. Tatsächlich ist China einer der Stützpfeiler, die die Rekordschulden der US-Regierung der Bush-Cheney-Ära finanzieren. Für das chinesische Wirtschaftswachstum war es sinnvoll, dass die Regierung die überschüssigen Dollars aus dem Amerikahandel in US-Schatzanleihen angelegt hat; damit ließ sich die eigene Währung gegenüber dem Handelspartner stabil halten und gleichzeitig konnten gute Beziehungen zu den USA gewahrt werden.

Nun denken jetzt, wo die US-Regierung eine zunehmend provokative Haltung gegenüber dem wachsenden wirtschaftlichen Einfluss Chinas einnimmt, viele Chinesen darüber nach, welche Alternativen sich ihnen bieten.

Aus Sicht Pekings erhebt nur Washington die unbestätigte Anklage des Völkermords in Darfur gegen die Regierung des Sudan, und dies afrikanische Land ist für die Sicherung von Chinas Ölversorgung von entscheidender Bedeutung. In Asien beobachtet man das Wirken US-finanzierter NGOs im benachbarten Burma oder Myanmar, wo Mönche in orangeroten Gewändern eine »Farbenrevolution« gegen das Regime proben, das an großen Energie- und Verteidigungsabkommen zur Sicherung von Chinas Ölversorgung beteiligt ist. Und in jüngster Zeit betrachtet China den Ausbruch der internationalen Proteste über angebliche Menschenrechtsverletzungen in Tibet als »zeitlich allzu gut abgepasst« im Vorfeld der Olympischen Spiele, die im August in Peking stattfinden, wobei die Absicht, Chinas Ansehen in der Weltöffentlichkeit zu schmälern, nur allzu offensichtlich ist.

Die Fraktion der unnachgiebigen Falken um Vizepräsident Cheney hat sich hinter den Kulissen schon seit Jahren eifrig bemüht, China als zunehmende Bedrohung der alleinigen Dominanz Amerikas – quasi als potentiellen Rivalen der US-Macht – zu isolieren. Cheney und die neokonservative Lobby in Washington haben den Irakkrieg als ersten Schritt einer unverhohlenen Militarisierung der Ölreserven im gesamten Nahen Osten und am Kaspischen Meer in Gang gesetzt. Das Ziel dieser Strategie war es, die Kontrolle über die strategischen Ölressourcen zu gewinnen, um anschließend über die Wirtschaft der Schwellenländer, einschließlich China, bestimmen zu können.

Mit dem Debakel der US-Besatzungspolitik im Irak ist nicht nur diese Militarisierung gescheitert. Das US-Militär ist heute nicht in der Lage, den einst geplanten nächsten Schritt zu tun – Regimewechsel im Iran oder die Besetzung des Landes. Stattdessen beschränkte sich das amerikanische Militär in den vergangenen Monaten auf ein immer durchsichtigeres Säbelrasseln und auf Drohungen über die Bombardierung des Irans, wobei so ziemlich alles herhalten musste: die Anschuldigungen reichten vom angeblichen Bau der Atombombe im Iran bis zur iranischen Unterstützung für schiitische Aufständische im Irak.

China diversifiziert

Es ist nicht wahrscheinlich, dass die Bank von China plötzlich massiv US-Dollars abstoßen wird, denn das würde auch gegen Chinas Interessen verstoßen, es sei denn, Washington entschiede sich, den Druck in Fragen wie Tibet zu erhöhen, was für Peking nicht verhandelbar ist – man stelle sich vor, China hätte in den 1950er-Jahren darauf bestanden, Washington solle internationale Beobachter in Alabama oder Mississippi zulassen, um die Wahlen zu beobachten und Berichten über angebliche rassistische Wählerdiskriminierung nachzugehen.

Doch China verfolgt angesichts einer weltweiten negativen Markteinschätzung für den Dollar eine geschicktere Verkaufsstrategie. Nach Japan hält China heute die meisten US-Schatzpapiere. 2007 gab China bekannt, man werde, anstatt weiter die Überschüsse in US-Schatzpapieren anzulegen, einen staatlichen »Souveränen Vermögensfonds« (Sovereign Wealth Fund, SWF) anlegen, der – zunächst mit 200 Milliarden $ ausgestattet – für Investitionen in strategische Anlagen auf der ganzen Welt, wie Bergbauunternehmen oder Ölgesellschaften eingesetzt werden solle. Das war das erste klare Anzeichen für eine Abwendung vom Dollar.

Die jüngsten Kommentare der Bank von China, die zwar aus marktbestimmter Vorsicht bedacht und in neutraler Sprache abgefasst waren, sind eine klare Warnung an Washington, was passieren kann, wenn Washington die Provokationen weiter steigert. Falls China seine gesamten Dollarbestände verkauft, reicht das in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise, um weltweite Panikverkäufe von Dollars durch andere Investoren auszulösen. Das wiederum würde die US-amerikanische Federal Reserve zwingen, die Zinsraten drastisch anzuheben, um neue Investitionen in den Dollar anzulocken und so das US-Defizit zu finanzieren. Ein Anstieg der Zinsen in der heutigen amerikanischen Wirtschaftskrise reicht aber aus, um die gesamte US-Wirtschaft in eine Depression wie in den 1930er-Jahren oder eine schlimmere Zusammenbruchskrise zu stürzen.

Es gibt Hinweise darauf, dass Cheneys Provokationsstrategie gegen China intern auf den Widerstand der Wall Street und deren Vertreter in der Regierung, Finanzminister Henry Paulson, trifft, der seinen Posten als Vorsitzender von Goldman Sachs verlassen hat, um Finanzminister in der Bush-Regierung zu werden. Es ist bekannt, dass Paulson als Chef der einflussreichen Firma Goldman Sachs zu Peking enge Beziehungen aufgebaut hat.

6. Mai (Bloomberg) – Der Dollar verlor heute den zweiten Tag in Folge gegenüber dem Euro, nachdem Federal-Reserve-Chef Ben S. Bernanke in einer Rede erklärte, der Zahlungsverzug bei Hypotheken belaste das Wirtschaftswachstum.

Die US-Währung verlor gegenüber dem malaysischen Ringgit und den Singapur- und Taiwan-Dollars, denn Investoren haben auf ertragreichere Währungen gesetzt, weil spekuliert wird, dass die Fed die Zinsraten auf dem niedrigsten Stand seit über drei Jahren halten wird. Der australische Dollar erreichte den höchsten Stand seit 24 Jahren, weil man davon ausgeht, die Zentralbank des Landes werde die Kreditkosten auf dem höchsten Stand seit zwölf Jahren belassen, um die Inflation zu bremsen. Die norwegische Krone stieg, während der Ölpreis eine Rekordhöhe erreichte, was die Exporteinnahmen des Landes erhöht.

»Wir erwarten, dass der Euro gegenüber dem Dollar weiter steigen wird«, sagte David Forrester, Währungsökonom bei Barclays Capital in Singapur. »Die US-Wirtschaft ist noch nicht aus dem Schneider, Bernankes Kommentare bestätigen dies.«