Der vergessene Guerillakrieg gegen die Volksrepublik China

Widerstand ohne Gewalt - das ist die Haltung, die der Dalai Lama in der Tibet-Frage vertritt. Viele Tibeter sehen das anders. In den 60er Jahren gab es sogar eine von den USA unterstützte Guerilla-Armee.

Der Aufstand der Tibeter vom März 2008 gegen die chinesische Besetzung hat das Bild vom friedlichen, duldsamen tibetischen Volk erschüttert, das sich gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung nur streng gewaltfrei zur Wehr setzt und keinen Hass oder andere negative Emotionen entwickelt. Dieser Vorstellung hat die tibetische Wirklichkeit noch nie entsprochen. Es ist die Ethik des Dalai Lama, aber viele Tibeter reagieren wie andere Völker in einer solchen Situation: Sie wehren sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Besatzer. So war es auch schon früher in der tibetischen Geschichte. Nachdem die Volksbefreiungsarmee in den 50er Jahren mit der systematischen Repression und Umerziehung begonnen hatte, formierte sich zunächst im Osten eine tibetische Guerillabewegung. Die dortigen Khampa blickten auf eine große kriegerische Tradition zurück, und sie waren immer auf ihre Eigenständigkeit bedacht. Noch nie hatten sie sich über ihre Sippe hinaus organisiert, nun jedoch war Einigkeit eine Frage des Überlebens. Um den Chinesen gewachsen zu sein, gründete Gompo Tashi, Oberhaupt eines großen Clans und Händler mit weit reichenden Kontakten, die Organisation Chushi Gangdruk, für die es in der tibetischen Geschichte kein Beispiel gab. “Vier Flüsse, sechs Gebirge” bedeutet der seltsame Name. Das sind die Grenzen von Kham, so signalisierte die Bezeichnung, dass alle einbezogen waren. Es waren gläubige Buddhisten, die zu den Waffen griffen, wie Ngawang Tashi, einer der Überlebenden: “In meiner Heimat Litang wurden 1956 und 1957 alle Klöster dem Erdboden gleich gemacht. Einen solchen Angriff auf unsere Religion konnten wir nicht akzeptieren. Deshalb haben wir uns gewehrt.” Auf der Suche nach Verbündeten wandten sich die Tibeter an die USA, wo alles willkommen war, was der Destabilisierung Chinas diente. Die älteren Brüder des Dalai Lama, Thubten Jigme Norbu und Gyalo Thöndup, überzeugten die CIA, den tibetischen Guerillakrieg zu unterstützen. 1957 begann das geheime Programm. Die ersten sechs Khampa trafen im April zur Ausbildung auf der Südseeinsel Saipan ein. Ein polnischer Pilot und ein tschechischer Techniker in Diensten der CIA setzten sie ein halbes Jahr später mit dem Fallschirm über Tibet ab. Für die heikle Mission steuerten sie einen B-17-Bomber ohne Hoheitszeichen. Das Flugzeug existierte eigentlich gar nicht, denn es musste ohne Genehmigung indisches Territorium überfliegen. Wäre die Aktion ungeplant verlaufen und das Flugzeug abgeschossen worden, hätten die Amerikaner jede Verwicklung abgestritten. Es war ein Himmelfahrtskommando. Drei der sechs jungen Männer wurden bei Gefechten innerhalb von vier Monaten getötet. Die anderen erfüllten ihre Mission und versorgten die CIA mit wichtigen Informationen aus Tibet. Bis Mitte der 60er Jahre durchliefen etwa 2500 junge Tibeter auf Saipan, Guam und in Camp Hale, Colorado, eine militärische Ausbildung, 16 000 in den Nachbarstaaten Tibets. Zudem warfen CIA-Agenten 400 Tonnen Waffen, Munition und technische Geräte über den Gebieten ab, in denen sich die Chushi Gangdruk aufhielt. Ende der 50er Jahre kontrollierte die Bewegung mit 20 000 bis 30 000 Kriegern bedeutende Gebiete im Süden des Landes. Bei einem Überfall auf einen Konvoi der Volksbefreiungsarmee erbeutete sie 1962 geheime Dokumente, die Informationen über die Zerstörungen in Tibet, die Entfremdung zur Sowjetunion sowie die Verluste beim “Großen Sprung nach vorn” enthielten, einem fanatischen Reformprogramm von Mao zwischen 1958 und 1962. Nach diesem Coup erhöhten die Verantwortlichen in Washington die Mittel für das Programm beträchtlich. Der größte Verdienst der Chushi Gangdruk war es jedoch, den Dalai Lama im März 1959 sicher von Lhasa ins indische Exil geleitet zu haben. Als Mao erfuhr, dass der wichtigste aller Tibeter mit Hilfe der Guerillakämpfer geflohen war, verlegte er 100 000 neue Soldaten in die widerspenstige Region. Dieser Übermacht hatten die Chushi Gangdruk auf die Dauer nicht viel entgegenzusetzen. Sie zog sich nach Mustang zurück, ein Hochtal im Norden von Nepal. Doch auch Nepal und der Dalai Lama drängten auf ein Ende des Widerstands. Das tibetische Oberhaupt lehnte den Guerillakampf aus religiöser Überzeugung ab, verurteilte ihn jedoch nicht: “Diese Bewegung hatte keine andere Wahl. Zunächst wehrten sich die Menschen gegen die wirklichkeitsfremden chinesischen Reformen. Die Chinesen reagierten mit Verhaftungen. Dann griffen meine Landsleute zu den Gewehren. Das entspricht dem buddhistischen Gesetz von Ursache und Wirkung: Etwas geschieht und es hat Auswirkungen. In diesem Fall begannen die Chinesen, alle Waffen einzusammeln, und die Tibeter hatten nur die Wahl, die Waffen abzugeben oder sie einzusetzen. Es ist sehr schwer, sie dafür zu verurteilen.” Seit Mitte der 60er Jahre war die Chushi Gangdruk keine Bedrohung mehr für die Chinesen. Unter Präsident Nixon beendeten die USA das Programm, 1974 ergaben sich die letzten Kämpfer der nepalesischen Armee. Wie wenig Interesse die CIA-Führung an Tibet hatte, beleuchtet ein Erlebnis des Agenten John Greaney. Er sollte 1957 dem CIA-Direktor Allen Welsh Dulles über die Aktivitäten in Tibet berichten. Hinter Dulles hing eine Weltkarte. Der CIA-Chef ging dorthin und fragte seinen Agenten: “Also, wo liegt Tibet?” Dabei zeigte er mit dem Finger auf die Karte und fragte: “Ist das Tibet?” Es war Ungarn, wo ein Jahr zuvor ein Aufstand gegen die kommunistische Herrschaft stattgefunden hatte.

Quelle: http://www.hnp-online.de/