Die USA und ihre westlichen Helfershelfer haben ungeachtet der verstärkten direkten US-Militärpräsenz in Afghanistan auf der jüngsten NATO-Tagung in Bukarest Pläne für einen schrittweisen Abbau ihrer direkten Militärpräsenz vorgelegt. Der Grund ist offensichtlich. Nachdem US-Präsident Bush bereits im Juni 2004 den Endsieg verkündet hatte, muss u.a. Afghanistans Verteidigungsminister Abdel Rahim Wardak nun eingestehen, dass die Taleban im Begriff seien, ihr Operationsgebiet von ihren traditionellen Bastionen im Süden des Landes schrittweise auf den Westen und den Norden auszudehnen. Im Norden sitzt bekanntlich die Bundeswehr – natürlich nur aus humanitären Gründen. Das Deengagement-Szenarium der NATO stützt sich auf die Afghanisierung des Konflikts durch den Aufbau einer schlaggkräftigen afghanischen Armee, der bislang sichtlich noch nicht geglückt ist. Ob er in absehbarer Zeit erfolgreich sein wird, ist fraglich.

Weitgehend außerhalb der öffentlichen Aufmerksamkeit wird aber seit geraumer Zeit insgeheim eine darüberhinausgehende Strategie entwickelt, die man als “Islamisierung” des Konflikts bezeichnen könnte. Wie nämlich kürzlich Frank Gardner, der für “Sicherheitsfragen” zuständige BBC-Korrespondent enthüllte, operieren arabische Einheiten bereits bereits seit fünf Jahren in Aghanistan. Die Soldaten kommen aus Jordanien, vorallem aber aus den ‘Vereinigten Arabischen Emiraten’. Währennd die jordanische Einheiten lediglich ein paar grundlegende Sicherheitsaufgaben erfüllten, hätten die VAE-Truppen nicht nurAufgaben im Bereich humanitärer Hilfe übernommen, sondern auch Kampfoperationen durchgeführt. Ihre Präsenz in Afghanistan war bislang so geheimgehalten worden, dass nicht einmal die Bürger der VAE davon wussten. Ihr Einsatz hat offenbar in erster Linie eine ideologische Funktion. Der BBC-Korrspondent berichtet über einen Fall, wo die VAE-Soldaten den ursprünglich geplanten ‘Besuch’ in einem Dorf kurzfristig aufgaben, weil die USA ihnen keine Luftunterstützung zusagen konnte. Stattdessen gingen sie dann in ein anderes Dorf, in dem sie zuvor schon waren, auf eine sichtlich gefahrlosere Mission. Der vordergründige Zweck des Besuchs war die Verteilung von Geschenken und die Diskussion über ökonomische Projekte. Gardner zitiert einen jungen Afghanen: “Zuerst dachte ich, das seien amerikanische Soldaten, und ich wollte, dass sie wieder ginghen, aber als sie sagten, sie seien Muslime, wußte ich, dass sie unsere Brüder sind.” So hat beispielsweise Major Ghanem al-Mazroui anders als die Offiziere der westlichen Koalition, die von den Afghanen eher als ‘Kreuzfahrer’ wahrgenommen werden, sich zwei Jahre Zeit genommen, um die Einwohner des Dorfes kennenzulernen, mit ihnen gemeinsam zu essen und zu beten. Major Ghanem stellt denn auch den Zweck der gesamten Präsenz seiner Leute in Afghanistan als den der humanitären Hilfe für die muslimischen Brüder dar. Man verteidige sich nur mit Waffen, wenn man angegriffen werde.

Gleichzeitig versuche man aber auch, die Afghanen davon zu überzeugen, dass auch die USA und ihre Verbündeten nach Afghanista gekommen seien, um der Bevölkerung den Frieden zu bringen. Der Initiator der VAE-Militärpräsenz ist Hamad al-Shamsi, Koordinator seines Landes für humanitäre Hilfe. Auch er betont die Funktion der VAE-Militärmission in Afghanistan als eine, die den westlichen Truppen die Arbeit erleichtern soll.

Wieweit die ‘Islamisierung’ des Afghanistan-Krieges ihren imperialistischen Zweck erfüllen kann oder das Schicksal der berüchtigten ‘Vietnamisierung’ des US-Überfallsauf Vietnam erleidet, wird nicht nur davon abhängen, ob diese humanitären Operationen schließlich flächendeckend durchgeführt werden können, sondern vorallem davon, ob die USA und ihre Helfershelfer es schaffen, in der Praxis ihre geopolitischen Ziele vor den Afghanen zu verbergen. Anderenfalls werden schließlich auch die ‘muslimischen Brüder’ von jenseits des Golfs letztlich als Werkzeuge antiafghanischer Bestrebungen wahrgenommen werden.